Stina Mentzing im Gespräch mit Melanie Kubandt, Juniorprofessorin für Gender und Bildung an der Universität Vechta

SM: Können Sie Ihre aktuelle wissenschaftliche Tätigkeit in zwei bis drei Sätzen skizzieren?

MK: Seit März 2018 bin ich Juniorprofessorin für Gender und Bildung an der Universität Vechta. Bis dahin war ich Vertretungsprofessorin für Pädagogische Kindheits- und Familienforschung an der Universität Osnabrück. Ich forschte bisher primär zu doing gender-Prozessen von Kindern, pädagogischen Fachkräften und Eltern im Alltag von Kindertageseinrichtungen.

SM: Welche Relevanz hat Gender in Ihrem Fachbereich?

MK: In der Erziehungswissenschaft hat die Geschlechterforschung eine lange Tradition, was ich sehr begrüße. Die Theoriediskussionen haben hier oftmals auch einen wegweisenden Charakter, der sich auf andere erziehungswissenschaftliche Kontexte ausdehnt, wie beispielsweise die Diskussionen um eigene Stereotypisierungen und (unreflektierte) Setzungen von Forscher_innen in empirischen Studien.

SM: Seit wann sind Sie bei der LAGEN aktiv und über welche Mitgliedseinrichtung nehmen Sie an der LAGEN teil?

MK: Die LAGEN begleitete mich bereits länger und im Rahmen diverser Mitgliedsorganisationen. Zum Beispiel während meiner Promotion an der Universität Osnabrück durch den LAGEN Doktorand_innentag. Auch als Gründungsmitglied des Netzwerkes Geschlechter- und Diversitätsforschung an der Leuphana Universität Lüneburg während meiner Zeit als Vertretungsprofessorin für Sozialpädagogik und Sozialdidaktik war der Bezug zur LAGEN immer sehr präsent. Mittlerweile nehme ich über die Universität Vechta an der LAGEN teil.

SM: Was ist Ihre Funktion in dieser Einrichtung? 

MK: Anfang des Jahres habe ich wie gesagt eine Stelle als Juniorprofessorin für Gender und Bildung an der Universität Vechta angetreten. Die Forschung, die ich im Rahmen der Juniorprofessur realisieren möchte, basiert auf einem breiten Verständnis von Geschlecht als eigenständigem Forschungsgegenstand, berücksichtigt allerdings ebenso Verschränkungen mit anderen Differenzlinien und ist im Bereich der (frühen) Kindheit angesiedelt.

SM: Welche Tätigkeiten beinhaltet Ihre Mitarbeit an der LAGEN?

MK: An der Leuphana Universität Lüneburg war ich bspw. an der Planung und Organisation eines Salongesprächs beteiligt, das gemeinsam mit der LAGEN durchgeführt wurde. Und aktuell formiert sich eine neue LAGEN Arbeitsgruppe zu Gender und Lehre, da möchte ich mich gerne engagieren und mit Kolleg_innen inhaltlich austauschen.

SM: Ihre letzte Publikation in einem Satz?

MK: Aktuell habe ich einen Handbuchartikel zur Geschlechterforschung in der Pädagogik der frühen Kindheit fertig gestellt. Es gibt hier zwar bereits einige Studien, die Geschlechterforschung könnte jedoch im frühpädagogischen Feld gerade im deutschsprachigen Raum noch viel breiter aufgestellt sein.

SM: Welchen Bezug hat Ihre Publikation zur aktuellen feministischen Forschung bzw. zur Geschlechterforschung/Gender Studies?

MK: Der Bezug ist groß, da ich zu Beginn des Artikels einen Überblick über Diskurse der (erziehungswissenschaftlichen) Geschlechterforschung gebe. Denn um Studien zu Geschlecht besser einordnen zu können ist aus meiner Sicht zu allererst zu klären, was mit Geschlecht inhaltlich verbunden wird. D.h. erst wenn man weiß, wie Forscher_innen Geschlecht theoretisch definieren und wo sie sich in den unterschiedlichen Diskursen einordnen, kann man die unterschiedlichen Forschungszugänge in Gänze erfassen.

SM: Wem würden Sie Ihre Publikation empfehlen?

MK: Allen, die sich für Geschlechterforschung und/oder Pädagogik der frühen Kindheit interessieren.

SM: Ihr Projekt in einem Satz?

MK: In meinen Forschungsprojekten geht es mir um doing-gender-Prozesse im Alltag von Bildungsinstitutionen. Das heißt ich untersuche bspw. Geschlechterkonstruktionen von Kindern, Eltern und pädagogischen Fachkräften in Kindertageseinrichtungen.

SM: Welchen Bezug hat Ihr Forschungsprojekt zur aktuellen feministischen Forschung bzw. zur Geschlechterforschung/Gender Studies?

MK: Der Bezug ist sehr groß, denn die verschiedenen Diskurslinien der Geschlechterforschung spiegeln sich auch in Debatten der Pädagogik der frühen Kindheit wider. Indem sich im Kontext von Geschlechterdebatten hier in der Regel jedoch entweder eine Fokussierung auf Anerkennung von Differenz(en) oder eine machtkritische Perspektive auf Ungleichheit rekonstruieren lässt, ist es mir wichtig aufzuzeigen, wie unterschiedlich Geschlechtergerechtigkeit je nach theoretischer Verortung frühpädagogisch gedacht wird. Bleibt das unthematisiert, sind Praktiker_innen manchmal verunsichert und fragen sich: Geschlechtergerechtigkeit, heißt das jetzt Unterschiede vermeiden oder anerkennen? Und wenn situativ beides, wann je was?

SM: Was macht Ihr Forschungsprojekt besonders?

MK: Mir ist es in meinen Studien immer sehr wichtig, dass ich reifizierungssensibel arbeite, d.h. dass ich die Daten und mich durchwegs dahingehend hinterfrage, wann und wie ich selbst Geschlecht in das Forschungsfeld "reinbringe" und wann hingegen das untersuchte Feld selbst Geschlecht zum Thema macht, was ja das eigentliche Forschungsinteresse ist. Da muss man aufpassen, dass man beispielsweise nicht einfach den untersuchten Kita-Alltag mit seiner ganz persönlichen Gender-Brille erklärt.

SM: Mit wem würden Sie gern Ihr aktuelles Forschungsprojekt diskutieren? Und warum?

MK: Mit bildungspolitischen Vertreter_innen. Denn ich habe u.a. untersucht, dass in den Bildungsplänen für den Elementarbereich viele normative Anforderungen zu Geschlechtergerechtigkeit enthalten sind, die sich zum Teil widersprechen bzw. die Herausforderungen deutlich marginalisieren. Im worst case führt das dazu, dass pädagogische Fachkräfte an Ansprüchen scheitern, die gar nicht so einfach realisierbar sind, die Fachkräfte aber trotzdem daran gemessen bzw. bewertet werden. 

SM: Sie sitzen mit Freunden am Küchentisch und das Thema Gender wird angesprochen. Wie erklären Sie Ihren Bezug zum Thema und was es mit Ihrem Beruf zu tun hat?

MK: Ich habe das große Glück, dass sich die meisten meiner Freunde selbst intensiv mit Fragen rund um Gender beschäftigen bzw. dem gegenüber sehr aufgeschlossen sind, d.h. im Grunde unterhalten wir uns oft über entsprechende Themen. Da die Erziehungswissenschaft sehr alltagsnah ist, ist der Gender-Bezug in den Alltagsgesprächen sehr deutlich und leicht für mich herzustellen.

SM: Was lesen Sie, wenn sie keine wissenschaftlichen Texte lesen?

MK: Da ich dafür leider viel zu wenig Zeit habe, lese ich eher punktuell kurze Sequenzen, wann immer es sich ergibt. Ich lese dann gerne das Missy Magazine, das ich abonniert habe. Neu für mich entdeckt habe ich auch das Geo Magazin. Aktuell lese ich zudem die feministischen Comics von Liv Strömquist.

SM: Welche Autor_innen lesen Sie gerne? Und wieso?

MK: Ich bin ein großer Fan von Juli Zeh, mehr von ihren Essays als von den Romanen. Sie ist eine gute Beobachterin und sehr scharfsinnig, das gefällt mir. Prinzipiell mag ich das Format der Kurzgeschichten gerne und dann am Liebsten von Judith Hermann, Annie Proulx und Alice Munro.

SM: Welche Bücher würden Sie auf jeden Fall weiterempfehlen?

MK: Jostein Gaarder "Das Leben ist kurz". Juli Zeh "Alles auf dem Rasen" und "Man nennt es Liebe" von Carin Holmberg.

SM: Für was hätten Sie gerne mehr Zeit?

MK: Familie, Freunde und Tanzen. Und Reisen.

SM: Was würden Sie an einem Tag unternehmen, an dem die gesamte technische Infrastruktur und alle technischen Geräte nicht funktionieren würden?

MK: Ich werde im Freundeskreis oft "die Analoge" genannt (lacht), d.h. man kann sich schon vorstellen, dass ich an so einem Tag große Freude hätte und mit Freunden bei schönem Wetter eine ausgiebige Radtour machen würde.

SM: Wen würden Sie gerne einmal treffen? Warum?

MK: Astrid Lindgren. Ich liebe Ronja Räubertochter und Pipi Langstrumpf.

SM: Wohin würden Sie gerne verreisen? Warum dorthin?

MK: Ich präferiere Urlaub in schöner, weiter Natur, daher haben es mir Kanada, Island, Schottland und Schweden sehr angetan. Bis auf Island habe ich die genannten Länder bereits bereist, würde aber sofort wieder dorthin und Neues dort entdecken wollen.

SM: An welchen Vorbildern - seien es Menschen oder Projekte -, orientieren Sie sich?

MK: Ich orientiere mich nicht an Personen im Gesamten, sondern eher an Eigenschaften unterschiedlicher Personen. Die jeweiligen Personen, die mich inspirieren, variieren daher sehr stark.

SM: Bitte vollenden Sie die folgenden Sätze: Ich habe Freude an meinem Beruf, weil...

MK: ...es ein großes Privileg ist, sich und andere ständig weiterzubilden und sich beruflich mit Themen und Inhalten auseinander setzen zu können, die auch im privaten Alltag sehr präsent und bedeutsam sind.

SM: Die LAGEN ist wichtig, weil...

MK:  ...sie Gleichgesinnte zusammen bringt und hilfreich dabei unterstützt, das wichtige Thema der Geschlechterforschung in die Tiefe und Breite zu bringen.

SM: Ich wünsche der LAGEN, dass...

MK: ...sie weiterhin so engagiert und mit Elan agiert und noch viele Menschen mehr für sich begeistern kann, die sich zukünftig auch engagieren wollen.

SM: Wollen Sie noch ein Schlusswort sprechen?

MK: Vielen Dank, mit der LAGEN zusammen zu arbeiten macht immer wieder Freude!

SM: Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben!