Stina Mentzing im Gespräch mit Lisbeth Suhrcke, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt "Gender in der Forschung" an der Hochschule Emden/Leer

SM: Können Sie Ihre aktuelle wissenschaftliche Tätigkeit in zwei bis drei Sätzen skizzieren?

LS: Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt "Gender in der Forschung" an der Hochschule Emden/Leer. Hier versuche ich dafür zu sensibilisieren, dass Genderaspekte in vielen Forschungsbereichen relevant sind. Da gibt es einmal die Ebene der Gleichstellung, also z.B. die Frage ob Frauen und Männer im Forschungsteam gleichwertig repräsentiert sind und was getan werden kann, um dieses Ideal zu erreichen. Auf inhaltlicher Ebene ist der Anspruch, zumindest einmal darüber nachgedacht zu haben, ob die Forschungsfrage genderrelevant ist. Befasst die Forschung sich mit Menschen oder entwickelt etwas, das Menschen später nutzen, ist das eigentlich immer der Fall.

SM: Seit wann sind Sie bei der LAGEN aktiv und über welche Mitgliedseinrichtung nehmen Sie an der LAGEN teil?

LS: Seit dem Beitritt unseres hochschulweiten GENDERnet zur LAGEN im Juni 2018 vertrete ich das Netzwerk dort. Besonders interessant finde ich, dass wir als Hochschule für angewandte Wissenschaften etwas andere Fragen und Anliegen in die LAGEN einbringen als die Mitgliedseinrichtungen der Universitäten. Wir haben hier kein Institut, keinen Studiengang und keine Professur für Gender Studies. Aber wir haben Expert_innen aus Anwendungsfeldern wie der Sozialen Arbeit, dem Maschinenbau oder der Biotechnologie, die die Ergebnisse der Genderforschung gern in ihrer Forschung und Lehre berücksichtigen möchten. Es geht also bei uns eher um die Frage, ob und wie die Erkenntnisse der Gender Studies anwendbar sind, statt neue Erkenntnisse zu liefern.

SM: Ihre letzte Publikation in einem Satz?

LS: Jörg Thomaschewski, Professor für Informatik an der Hochschule Emden/Leer, und ich haben überlegt, wie einzelne Übungsaufgaben seines Lehrskripts so verändert werden könnten, dass Studierende über die Relevanz von Geschlecht in der Gestaltung von Mensch-Computer-Interfaces nachdenken.

SM: Welchen Bezug hat Ihre Publikation zur aktuellen feministischen Forschung bzw. zur Geschlechterforschung?

LS: Wir argumentieren in unserem Beitrag didaktisch und sind der Meinung, dass Genderkompetenz für angehende Informatiker_innen wichtig ist, damit sie später zielgruppenspezifisch programmieren können, statt sich selbst zum Maßstab zu machen. Ist das jetzt Geschlechterforschung? Ich finde dieses Beispiel zeigt ganz schön, was ich oben mit unserer etwas anderen Rolle in der LAGEN meinte: Wir versuchen an der Hochschule Emden/Leer für die Kategorie Geschlecht zu sensibilisieren und benutzen dazu die Ergebnisse der Genderforschung. In unserem Beispiel etwa der kritische Blick auf technische Gestaltungsvorgänge, der maßgeblich von feministischer Seite entwickelt und ausbuchstabiert worden ist.

SM: Wem würden Sie Ihre Publikation empfehlen?

LS: Ich würde generell dazu anzuregen, die eigenen Lehrmaterialien mal auf einen Gender Bias hin zu prüfen. Also allen.

SM: Ihr Projekt in einem Satz?

LS: Aktuell mache ich gerade eine Befragung an unserer Hochschule zu den bei uns gelebten Fachkulturen.

SM: Welchen Bezug hat Ihr Forschungsprojekt zur aktuellen feministischen Forschung bzw. zur Geschlechterforschung/Gender Studies?

LS: Einschlägige empirische Studien konnten die These bestätigen, dass für die Unterrepräsentanz von Frauen in der Wissenschaft allgemein, in einzelnen Fachbereichen aber ganz besonders, die unterschiedlichen Wissenschaftskulturen mit verantwortlich sind.

SM: Was macht Ihr Forschungsprojekt besonders?

LS: Dass es sich mit den Gegebenheiten hier an der Hochschule Emden/Leer befasst.

SM: Mit wem würden Sie gern Ihr aktuelles Forschungsprojekt diskutieren? Und warum?

LS: Diskutieren möchte ich vor allem mit den von mir Befragten. Wenn es gut läuft ergibt sich das auch am Ende des Interviews.

SM: Sie sitzen mit Freund_innen am Küchentisch und das Thema Gender wird angesprochen. Wie erklären Sie Ihren Bezug zum Thema und was es mit Ihrem Beruf zu tun hat?

LS: Ich mache deutlich, dass 'Gender' ein Begriff ist, der uns alle betrifft. Wir handeln ja täglich nach bestimmten Mustern, die wir für unsere Geschlechtsidentität als passend erachten. Einen Schritt weiter zu gehen und zu fragen, wo das Muster herkommt - schon sind wir in der Genderforschung.

SM: Was lesen Sie, wenn sie keine wissenschaftlichen Texte lesen?

LS: Im Moment Harry Potter, damit ich endlich mitreden kann. Das Ziel ist, schneller mit allen Bänden durch zu sein als meine Kinder. Ziemlich unrealistisch.

SM: Welche Autor_innen lesen Sie gerne? Und wieso?

LS: Autor_innen-Namen vergesse ich sofort wieder.

SM: Welche Bücher würden Sie auf jeden Fall weiterempfehlen?

LS: Mit Empfehlungen ist das so eine Sache... Ich würde nie ungefragt empfehlen. Wo ich jetzt aber gefragt werde, fällt mir mein letztes Highlight ein: "Die unbekannte Mitte der Welt. Globalgeschichte aus islamischer Sicht". Geschichte ist Erzählung, und Erzählung ist perspektivisch. Und dieses Buch ist wahnsinnig gut erzählt.

SM: Für was hätten Sie gerne mehr Zeit?

LS: Fürs Musikmachen

SM: Was würden Sie an einem Tag unternehmen, an dem die gesamte technische Infrastruktur und alle technischen Geräte nicht funktionieren würden?

LS: Endlich das seit Ewigkeiten unbearbeitete Beet im Garten umgraben.

SM: Wen würden Sie gerne einmal treffen? Warum?

LS: Ich fantasiere da eine Zeitreise: die Protagonistin meiner Dissertation, Marie Lipsius (1837-1927) in Leipzig zu treffen. Während ich ihre Texte las und mich ihrer Biographie annäherte konnte ich mir die Frage nie ganz verkneifen, wie sie denn nun "in echt" war, diese Schriftstellerin und Musikforscherin. Als Wissenschaftlerin weiß ich natürlich, dass es naiv ist zu glauben, wir könnten eine (historische) Person in all ihren Facetten erfassen und begreifen. Und trotzdem wüsste ich zu gern, ob Lipsius mir sympathisch wäre oder nicht, wenn ich sie auf der Straße treffen würde.

SM: Wohin würden Sie gerne verreisen? Warum dorthin?

LS: Mein Traum: eine Wanderung über die Alpen. Körperlich total fertig und den Kopf voll wunderbarer Bilder nach Italien zu kommen, ein paar Tage Pause am Gardasee und zum Abschluss noch schnell (mit dem Zug!) zur Biennale nach Venedig.

SM: An welchen Vorbildern - seien es Menschen oder Projekte -, orientieren Sie sich?

LS: Das konnte ich schon damals im Poesiealbum immer nicht beantworten...

SM: Ich habe Freude an meinem Beruf, weil ...

LS: ...ich etwas mache, was mir wichtig ist und dabei ziemlich viel Freiheit habe.

SM: Die LAGEN ist wichtig, weil ...

LS: ...sie die niedersächsische Genderforschung wissenschaftspolitisch stärkt.

SM: Ich wünsche der LAGEN, dass ...

LS: ...ihre Vernetzungsarbeit immer wieder wichtige und spannende Projekte hervorbringt. 

SM: Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben!