Stina Mentzing im Gespräch mit Friederike Apelt, Koordinatorin für das Projekt "Gender und Lehre in Niedersachsen"

SM: Können Sie Ihre aktuelle wissenschaftliche Tätigkeit in zwei bis drei Sätzen skizzieren?

FA: Das Projekt "Gender und Lehre in Niedersachsen" arbeite ich daran, diesen Schwerpunktbereich im LAGEN-Netzwerk weiter auszubauen und zu einer stärkeren Vernetzung zum Thema beizutragen. Gender-Lehre ist ein zentraler Bestandteil der Arbeit aller unserer Mitgliedseinrichtungen und deswegen ein verbindendes Element. Ziel meiner Tätigkeit ist es, die Einrichtungen dabei zu unterstützen, Gender als Aspekt in der Lehre weiter zu verankern. Neben meiner Tätigkeit bei der LAGEN arbeite ich außerdem noch an meiner Dissertation, in der ich zu Solidarität aus einer geschlechtergeschichtlichen, transnationalen Perspektive am Beispiel der bundesdeutschen Solidaritätsbewegung mit Nicaragua arbeite.

SM: Welche Relevanz hat Gender in Ihrem Fachbereich?

FA: Für meine Arbeit in der LAGEN ist Gender natürlich zentral, denn es geht schließlich um forschungsbasierte Gender-Lehre, und zwar in allen Fachbereichen. Ich selbst komme aus den Sozial- und Geisteswissenschaften, in denen Zugänge der Geschlechterforschung relativ etabliert sind, auch wenn sie oft genug auch dort marginalisiert werden. Gerade in diesen Fachbereichen, die sich mit der Funktionsweise von Gesellschaft, Macht und Ungleichheit beschäftigen, ist der Bezug zu Gender natürlich schnell hergestellt. Nicht nur die Arbeit bei der LAGEN zeigt mir aber, dass Gender Relevanz in ausnahmslos allen Fachbereichen hat - sei es auf inhaltlicher Ebene, auf Ebene der Fachkultur oder in Hinblick auf die Didaktik.

SM: Seit wann sind Sie bei der LAGEN aktiv und über welche Mitgliedseinrichtung nehmen Sie an der LAGEN teil?

FA: In der LAGEN-Geschäftsstelle bin ich seit August letzten Jahres als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Aber auch davor kannte ich die LAGEN schon über die Doktorand_innentage und die AG Gender*Zukunft, die ich im Januar 2017 mitgegründet habe.

SM: Welche Tätigkeiten beinhaltet Ihre Mitarbeit an der LAGEN?

FA: Die Aufgaben im Projekt Gender und Lehre in Niedersachsen sind sehr vielfältig und reichen von Netzwerkarbeit, Organisation von Vernetzungs- und Arbeitstreffen bis hin zur Konzeption eines umfassenderen Projektes, das unsere Mitgliedseinrichtungen bei der Umsetzung von Gender-Lehre unterstützen soll. Aktuell stand gerade die Organisation unserer Tagung "Gender in der Lehre. Ansätze aus der Praxis" am 26. April 2019 an, die die LAGEN gemeinsam mit unserer neusten Mitgliedeinrichtung, dem Gender-Netz der Hochschule Hannover, ausrichtet.

SM: Ihr Projekt in einem Satz?

FA: Die Analyse von Solidarität(sbewegungen) aus einer transnationalen, geschlechtergeschichtlichen Perspektive. Wenn es noch ein zweiter Satz sein darf: Ich untersuche die wechselseitigen Beziehungen zwischen bundesdeutschen und nicaraguanischen Aktivist_innen während der sandinistischen Revolution in Bezug auf die Themen Feminismus, Emanzipation und Frauenpolitik.

SM: Welchen Bezug hat Ihr Forschungsprojekt zur aktuellen feministischen Forschung bzw. zur Geschlechterforschung/Gender Studies?

FA: Solidarität und besonders feministische Solidarität ist auch aktuell ein wichtiges Thema - durch die Dekonstruktion von Geschlecht und der Kategorie "Frau" stellt sich natürlich die Frage danach, wie man kollektiv politisch handlungsfähig bleibt, um feministische Forderungen durchzusetzen. Wer kann und sollte mit wem solidarisch sein, und warum? Das kann ich natürlich auch mit meinem Forschungsprojekt nicht beantworten, aber finde es sehr spannend, mir den Austausch und Aushandlungen zwischen Nicaraguaner_innen und bundesdeutschen Aktivist_innen anzuschauen: Wie haben sie kooperiert? Welche Reibungspunkte gab es, und welchen Umgang damit? Ich finde es außerdem auch sehr wichtig, außereuropäische Einflüsse auf die bundesdeutsche Zeitgeschichte und (Frauen-)bewegung zu untersuchen und sichtbar zu machen.

SM: Mit wem würden Sie gern Ihr aktuelles Forschungsprojekt diskutieren? Und warum?

FA: Meine Monographie verfasse ich gerade auf Deutsch, plane aber bereits spanischsprachige Artikel, um meine Forschungsergebnisse auch in Nicaragua zugänglich zu machen. Dann würde ich sehr gerne erneut dorthin reisen, um meine Arbeit vorzustellen und zu diskutieren.

SM: Sie sitzen mit Freunden am Küchentisch und das Thema Gender wird angesprochen. Wie erklären Sie Ihren Bezug zum Thema und was es mit Ihrem Beruf zu tun hat?

FA: Das kommt natürlich darauf an, worum genau es in dem Gespräch geht. Geschlecht ist ja grundsätzlich etwas, was in alle gesellschaftlichen Bereiche hineinwirkt, deswegen kann ich mir viele mögliche Bezüge vorstellen. Wenn es um mich als Person geht würde ich sagen, dass ich mit Beginn meines Studiums damit begonnen habe, mich viel mit Gender und Geschlechterforschung auseinanderzusetzen. Damals gab es an der Universität Hannover noch einen Gender Studies Schwerpunkt in den Sozialwissenschaften, der mich sehr geprägt hat. Seitdem sind feministische Themen und Geschlechterforschung sehr zentral für mich und ich möchte durch meine berufliche Tätigkeit einerseits dazu beitragen, Geschlechterverhältnisse besser zu verstehen und dann auch Ungleichheiten abzubauen.

SM: Was lesen Sie, wenn sie keine wissenschaftlichen Texte lesen?

FA: Verschiedenes: Romane, Graphic Novels, Sachbücher... im Moment komme ich leider zu selten zum Lesen.

SM: Welche Autor_innen lesen Sie gerne? Und wieso?

FA: Ich lese gerne außereuropäische Autorinnen. Aufgrund meines regionalen Forschungsschwerpunktes Lateinamerika natürlich besonders gerne Schriftstellerinnen aus Mittel- und Lateinamerika. Allgemein lese ich gerne Bücher mit gesellschaftspolitischen Inhalten.

SM: Welche Bücher würden Sie auf jeden Fall weiterempfehlen?

FA: "El pais bajo mi piel" (der deutsche Titel ist "Die Verteidigung des Glücks"), die Autobiographie von Gioconda Belli, einer nicaraguanischen Schriftstellerin und Revolutionärin. Es ist ein beeindruckendes Buch über ihr Leben, ihre Beteiligung am Widerstand gegen die Diktatur Somozas und dem revolutionären Umsturz in Nicaragua 1979 sowie der Zeit danach, das auch die Ernüchterung in der Zeit nach der Revolution nachspürbar macht. Vor kurzem und sehr gerne gelesen habe ich außerdem Yaa Gyasis Roman "Homegoing", als nächstes steht "Brot und Rosen" von der argentinischen Feministin Andrea D'Atri auf meiner Liste. Die Autorin zeichnet hier die Geschichte der Frauen- und Arbeiter_innenbewegung von der Französischen Revolution bis zur Queer Theory nach.

SM: Für was hätten Sie gerne mehr Zeit?

FA: Reisen. Ich würde gerne die Zeit haben mich bei Reisen richtig auf einen Ort einlassen zu können.

SM: Was würden Sie an einem Tag unternehmen, an dem die gesamte technische Infrastruktur und alle technischen Geräte nicht funktionieren würden?

FA: Am liebsten würde ich den Tag am Meer verbringen, mit Lesen oder Kitesurfen und meinen liebsten Menschen.

SM: Wen würden Sie gerne einmal treffen? Warum?

FA: Ich habe schon viele spannende Personen getroffen: als ich für meine Forschung in Nicaragua war zum Beispiel Frauen, die in den 1970er/1980er Jahren Teil der sandinistischen Revolution dort waren und von ihren Erfahrungen berichtet haben. Beeindruckend war es auch, bei einer Lesung im Literarischen Salon in Hannover Chimamanda Ngozi Adichie zu sehen - eine sehr charismatische Frau, mit der ich mich gerne danach auch noch persönlich unterhalten hätte. Gerne treffen würde ich auch Menschen aus den Generationen vor mir aus meiner Familie, wie zum Beispiel meine Urgroßmutter.

SM: Wohin würden Sie gerne verreisen? Warum dorthin?

FA: Eigentlich würde ich gerne überall hinreisen. Auch wenn ich schon einige Male dort war reizt mich Mexiko immer wieder. Die Mischung aus vielfältiger Geschichte und beeindruckenden sozialen Bewegungen machen das Land für mich zu einem spannenden Reiseziel.

SM: An welchen Vorbildern - seien es Menschen oder Projekte -, orientieren Sie sich?

FA: Es gibt nicht die eine Person, an der ich mich orientiere. Aber es gibt natürlich Menschen, die mich beeindrucken - oft sind das kluge, feministische Frauen und andere Menschen, die auch in ihrem alltäglichen Leben mutige Entscheidungen treffen.

SM: Ich habe Freude an meinem Beruf, weil ...

FA: ...ich mich mit Themen befassen kann, die ich wichtig und interessant finde.

SM: Die LAGEN ist wichtig, weil ...

FA: ...Vernetzung und Solidarität wichtig sind, vor allem in einer Gesellschaft, in der Geschlechterforschung und Kritik an den bestehenden Geschlechterverhältnissen oft angefeindet werden.

SM: Ich wünsche der LAGEN, dass …

FA: … sie noch lange besteht, eine vielseitige Frauen- und Geschlechterforschung unterstützt und dabei hilft, den Forschenden den Rücken zu stärken!

SM: Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben!