Stina Mentzing im Gespräch mit Sarah Dangendorf, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Stabsstelle für Forschung, Entwicklung und Transfer an der Hochschule Hannover.

SM: Können Sie Ihre aktuelle wissenschaftliche Tätigkeit in zwei bis drei Sätzen skizzieren?

SD: Ich arbeite als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Stabsstelle für Forschung, Entwicklung und Transfer und kümmere mich hier v.a. um die Stärkung der Gender- und Diversityforschung an meiner Hochschule. Das umfasst ganz unterschiedliche Maßnahmen, z.B. die Prüfung von Förderanträgen, die Durchführung von Workshops und Öffentlichkeitsarbeit. Es geht dabei auch nicht allein um die "reine" Genderforschung, sondern ebenso um die Berücksichtigung von Genderaspekten in der Forschung generell.

SM: Welche Relevanz hat Gender in Ihrem Fachbereich?

SD: Ausgehend von meinem ursprünglichen Fachbereich: In den Kulturwissenschaften wie auch in der Kunst- und Musikwissenschaft war zumindest in meinem Studium damals Gender schon früh wichtig, sei es im Hinblick auf feministische Theorien (v.a. Butler) oder auf die Marginalisierung von Frauen in den Künsten. Bei uns an der Hochschule Hannover insgesamt - wir arbeiten in Forschung und Entwicklung ja für alle Fakultäten - ist die Situationen natürlich eine andere. Als Fachhochschule mit Fokus auf Anwendungsorientierung spielt die "klassische", geistes- und sozialwissenschaftliche geprägte Genderforschung eine geringe Rolle. Gleichzeitig ist die angewandte Forschung meines Erachtens aber besonders anschlussfähig an Fragen sozialer Strukturen - das betrifft dann v.a. die Integration von Gender- und Diversityaspekten in eher "fachfremde" Forschungsprojekte. Und wir haben einige Expert_innen, die sich in ihren jeweiligen Arbeitsgebieten viel mit Gender beschäftigen, z.B. das Team Gender MINT rund um unsere MGM-Professorin, einige Personen in der Abteilung für Design und Medien, in der Sozialen Arbeit und auch im MINT-Zukunftslabor.

SM: Seit wann sind Sie bei der LAGEN aktiv und über welche Mitgliedseinrichtung nehmen Sie an der LAGEN teil?

SD: Seit rund anderthalb Jahren beteilige ich mich an AGs der LAGEN, Gender*Zukunft und neuerdings Gender in der Lehre. Seit Dezember 2018 sind wir als Hochschule Hannover mit unserem Gender-Netz, einem Zusammenschluss aus Forschenden und Lehrenden im Bereich Gender an unserer Hochschule, nun endlich Mitglied der LAGEN, worüber wir uns sehr freuen.

SM: Was ist Ihre Funktion in dieser Einrichtung?

SD: Ich bin Teil des fünfköpfigen Organisations-Teams des Gender-Netzes und kümmere mich hier um unterschiedliche Belange, u.a. um den Kontakt zu den LAGEN.

SM: Welche Tätigkeiten beinhaltet Ihre Mitarbeit an der LAGEN?

SD: Bisher nur die Teilnahme an den AGs und an Veranstaltungen, z.B. den LAGEN-Jahrestagungen. Ich hoffe aber, dass wir als Hochschule Hannover uns als neues Mitglied nun stärker einbringen können, gerade auch was unsere in der LAGEN ja eher unübliche Hochschulform als Fachhochschule betrifft. Übrigens planen wir als Gender-Netz für das Frühjahr eine Tagung, auf der wir u.a. die Genderforschung an unserer Hochschule präsentieren wollen. Es wäre schön, dann auch viele LAGEN-Mitglieder bei uns begrüßen zu können!

SM: Ihre letzte Publikation in einem Satz?

SD: Innerhalb eines größeren Forschungsprojekts haben zwei Kollegen und ich u.a. anhand der Pflegestatistik untersucht, wie sich die Akademisierung der Pflege auf die Geschlechterverteilung bei Beschäftigten von Altenpflegeeinrichtungen auswirkt.

SM: Welchen Bezug hat Ihre Publikation zur aktuellen feministischen Forschung bzw. zur Geschlechterforschung/Gender Studies?

SD: Die Geschlechterungleichheiten im Feld Arbeit/Berufe, sowohl in Bezug auf horizontale wie vertikale Segregation, sind - mögen sie für manche als alter Hut gelten - meiner Ansicht nach dauerhaft aktuell in der Geschlechterforschung. Angesichts der bevorstehenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt u.a. durch die Digitalisierung wird der Themenkomplex aber vermutlich wieder mehr Aufmerksamkeit erfahren.

SM: Wem würden Sie Ihre Publikation empfehlen?

SD: Allen, die sich mit Bildung und Ausbildung in den Gesundheits- und Sozialberufen beschäftigen.

SM: Ihr Projekt in einem Satz?

SD: Ich möchte die Motivationen von Wissenschaftlerinnen, Forschung zu betreiben, untersuchen.

SM: Welchen Bezug hat Ihr Forschungsprojekt zur aktuellen feministischen Forschung bzw. zur Geschlechterforschung/Gender Studies?

SD: Das Projekt ist noch in Vorbereitung. Ich verstehe es zum einen als Teil der Sichtbarmachung von wissenschaftlichen Karrieren von Frauen bzw. deren Unterrepräsentanz in der Wissenschaft, und dadurch ist es partiell im Kontext Gleichstellung verankert. Zum anderen gehe ich aber natürlich davon aus, dass die Gründe für die z.B. offenbar geringere Publikationstätigkeit von Frauen vielfältig sind.

SM: Was macht Ihr Forschungsprojekt besonders?

SD: Offensichtlich wissen wir noch nicht genug darüber, wer, unter welchen Bedingungen und mit welchen Zielen Forschung betreibt. Sicher ist aber, dass wir auf Vielfalt in der Forschung angewiesen sind.

SM: Mit wem würden Sie gern Ihr aktuelles Forschungsprojekt diskutieren? Und warum?

SD: Mit allen Frauen, die eine Professur haben oder im akademischen Mittelbau tätig sind und bereit sind, mir in einem kurzen Gespräch Auskunft zu geben. Über Rückmeldungen würde ich mich freuen!

SM: Sie sitzen mit Freund_innen am Küchentisch und das Thema Gender wird angesprochen. Wie erklären Sie Ihren Bezug zum Thema und was es mit Ihrem Beruf zu tun hat?

SD: Im Allgemeinen verstehen die meisten schon, dass ihre Lebensrealitäten stark von Strukturkategorien wie bspw. Geschlecht beeinflusst sind. Was meine Arbeit betrifft: Ich erkläre, dass Forschung sehr häufig Personen zum Gegenstand hat oder diese durch die erzielten Ergebnisse in irgendeiner Weise betrifft. Dass dann in der Regel nicht von "dem Menschen", oder auch der "Frau", dem "Mann" usw. ausgegangen werden kann, es eben oft auch notwendig ist, sich mit verschiedenen Kategorien sozialer Ungleichheit auseinanderzusetzen, leuchtet dann mehrheitlich schnell ein.

SM: Was lesen Sie, wenn sie keine wissenschaftlichen Texte lesen?

SD: Meistens Zeitung und ein Nachrichtenmagazin, sonst Belletristik.

SM: Welche Autor_innen lesen Sie gerne? Und wieso?

SD: Fast ausschließlich Gegenwartsliteratur aus dem deutsch- oder englischsprachigen Raum, und gerne von Frauen. Darüber nachgedacht habe ich noch nicht, aber eine ungefähre Kenntnis des Kulturraums sowie natürlich eine gewisse Identifikation mit den Protagonist_innen sind mir vermutlich wichtig. In letzter Zeit habe ich "Ein anderes Brooklyn" von Jacqueline Woodson, "Americanah" von Chimamanda Ngozi Adichie, "Arbeit und Struktur" von Wolfgang Herrndorf und "Heimat", eine Graphic-Novel von Nora Krug, gelesen. Autor_innen, die ich insgesamt sehr gerne lese, sind Juli Zeh, Alice Munro und Zadie Smith.

SM: Welche Bücher würden Sie auf jeden Fall weiterempfehlen?

SD: Bei Romanen finde ich das schwierig, es hängt davon ab, wie sehr ich den Geschmack einer Person einschätzen kann. Was ich in letzter Zeit aber mehrmals empfohlen habe, ist "Factfulness" von Hans Rosling mit Anna Rosling Rönnlund und Ola Rosling. Das Buch hat mir sehr gefallen, weil es hilft, u.a. mit Hilfe von Statistik verzerrten Wahrnehmungen in Bezug auf globale Entwicklungen vorzubeugen. Besonders eindrucksvoll und hilfreich fand ich die Einteilung in Entwicklungsstufen, die die Indikatoren wie die Relativität von Armut und Reichtum, sowohl länder- als auch generationenübergreifend, verdeutlichen.

SM: Für was hätten Sie gerne mehr Zeit? 

SD: Ganz grundsätzlich würde ich gerne das, was ich zu einem Zeitpunkt tue, in Ruhe machen, was nicht immer geht. Und ich würde gerne häufiger auf Konzerte gehen.

SM: Was würden Sie an einem Tag unternehmen, an dem die gesamte technische Infrastruktur und alle technischen Geräte nicht funktionieren würden?

SD: Auf jeden Fall etwas mit meinen Kindern, vielleicht Schwimmen gehen.

SM: Wen würden Sie gerne einmal treffen? Warum?

SD: Da gibt es keine bestimmte Person. Sehr interessiert bin ich aber immer an den Musiker_innen, die ich gerne höre, ich war schon immer ein Popmusik-Fan.

SM: Wohin würden Sie gerne verreisen? Warum dorthin?

SD: Ich mag die Niederlande, wo ich eine Zeit lang studiert habe, und Großbritannien sehr gerne. Es sind beides Länder, die ich relativ gut kenne und in denen ich mich wohl fühle, und dass sie in der Nähe sind und keine Flugreise erforderlich ist, gefällt mir auch.

SM: An welchen Vorbildern - seien es Menschen oder Projekte -, orientieren Sie sich?

SD: Direkte Vorbilder habe ich keine. Aber mich beeindrucken Menschen, die sich stark und mit guten Ideen dafür engagieren, das Leben anderer zu verbessern oder in Klima- oder Umweltschutz sehr aktiv sind.

SM: Ich habe Freude an meinem Beruf, weil ich mich...

SD: ...neben anderen positiven Aspekten - mit interessanten und relevanten Themen befassen darf. Das ist ein großes Privileg.

SM: Die LAGEN ist wichtig, weil...

SD: ...sie sich in hohem Maße für die Genderforschung und für Forschende in diesem oft angefeindeten Feld einsetzt.

SM: Ich wünsche der LAGEN, dass...

SD: ...sie noch lange besteht und von vielen aktiven Mitstreiter_innen unterstützt wird.

SM: Vielen Dank für Ihre Zeit!