Stina Mentzing im Gespräch mit Judith Conrads, Koordinatorin der Forschungsstelle Geschlechterforschung der Universität Osnabrück

SM: Können Sie Ihre aktuelle wissenschaftliche Tätigkeit in zwei bis drei Sätzen skizzieren?

JC: Als Koordinatorin der Forschungsstelle Geschlechterforschung liegen meine Tätigkeiten vor allem im Bereich der Wissenschaftsorganisation. Ich arbeite daran, die beteiligten Personen untereinander und auch darüber hinaus zu vernetzen und gemeinsame Forschungsaktivitäten voranzutreiben. Auch ist es Teil meiner Arbeit Genderperspektiven stärker in der Lehre zu verankern - aktuell insbesondere durch die Einführung eines "Interdisziplinären Zertifikats Geschlechterforschung".

SM: Welche Relevanz hat Gender in Ihrem Fachbereich?

JC: Die Forschungsstelle Geschlechterforschung ist interdisziplinär aufgestellt und wird durch mehrere Fachbereiche getragen - vertreten sind Sozial-, Kultur- und Erziehungswissenschaften, Sprach- und Literaturwissenschaften sowie Humanwissenschaften. Das Spannende ist, dass alle unterschiedlichste Anknüpfungspunkte an Genderthemen haben - diese sind in den verschiedenen Fächern wiederum unterschiedlich stark vertreten. Insbesondere in der Lehre - oder spezieller noch in den Curricula, um auch strukturell verankert zu sein - könnten (und sollten) Genderperspektiven überall einen größeren Stellenwert erhalten.

SM: Seit wann sind Sie bei der LAGEN aktiv und über welche Mitgliedseinrichtung nehmen Sie an der LAGEN teil?

JC: Seit genau einem Jahr bin ich nun als Koordinatorin in der Forschungsstelle Geschlechterforschung der Universität Osnabrück und in dieser Funktion auch in der LAGEN aktiv.

SM: Welche Tätigkeiten beinhaltet Ihre Mitarbeit an der LAGEN?

JC: Die Teilnahme an den verschiedenen Vernetzungs- und Arbeitstreffen und den Sitzungen der LAGEN, die Ausrichtung einzelner LAGEN-Veranstaltungen als gastgebende Organisation, der inhaltliche Austausch und die wechselseitige Weitergabe von Informationen (Ankündigungen etc.) zwischen LAGEN- und FGF-Mitgliedern.

SM: Ihre letzte Publikation in einem Satz?

JC: Da mein Tätigkeitsschwerpunkt im koordinativen Bereich liegt, steht das eigene Publizieren als Teil der 'klassischen' wissenschaftlichen Tätigkeiten nicht so weit vorne auf der Tagesordnung - die letzte größere Publikation mit meiner Beteiligung ist der Gender-Report 2016 des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW, in dem die nordrhein-westfälische Hochschullandschaft unter Genderaspekten untersucht wird, ein Fokus liegt dabei auf der Hochschulmedizin. (Link zur Studie: www.genderreport-hochschulen.nrw.de/gender-report-2016/)

SM: Welchen Bezug hat Ihre Publikation zur aktuellen feministischen Forschung bzw. zur Geschlechterforschung/Gender Studies?

JC: Neben wichtigen Hinterfragungen der Konstruktion von heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit gilt es weiterhin, diesem System als gesellschaftlich, kulturell und politisch wirksamer Ordnung Rechnung zu tragen. Dafür ist es wichtig, die Strukturen und Hierarchien offenzulegen, die mit der Geschlechterbinarität verbunden sind. In diesem Fall geschieht dies in Bezug auf das Wissenschaftssystem und die Institution Hochschule, denen ja oft genug der Anschein der Objektivität anhaftet. Hier Mechanismen aufzudecken, die für als Frauen und als Männer gelesene Menschen unterschiedliche Auswirkungen haben, und entsprechende qualitative und quantitative Daten bereitzustellen, ist ein zentraler Beitrag, den der Gender-Report für die Geschlechterforschung leistet.

SM: Wem würden Sie Ihre Publikation empfehlen?

JC: Menschen, die sich im Wissenschaftssystem oder im hochschulpolitischen Kontext bewegen, sowie Fachpersonen aus dem medizinischen Bereich. Und allen, die bisher überzeugt davon sind, dass mit der formal geschlechtsunabhängigen Offenheit von Studien- und Arbeitsplätzen lediglich die individuellen Leistungen und Fähigkeiten über Erfolg oder Misserfolg auf dem Karriereweg entscheiden.

SM: Ihr Projekt in einem Satz?

JC: Neben der koordinativen Tätigkeit betreibe ich ein eigenes Forschungsprojekt - meine Dissertation: Hier untersuche ich anhand der Erfahrungen, die Jugendliche in Geschlechtertauschmomenten im Rahmen ihrer Abiturrituale (Mottowoche) machen, gegenwärtige Konzeptionen junger Menschen von Geschlecht, Geschlechterdifferenzierungen und Geschlechterverhältnissen.

SM: Welchen Bezug hat Ihr Forschungsprojekt zur aktuellen feministischen Forschung bzw. zur Geschlechterforschung/Gender Studies?

JC: Geschlechtliche Normierungen und Normalisierungen sowie (Diskurse um) Selbstbestimmung und Selbstregulierung sind zentrale Dimensionen innerhalb meiner Untersuchung, die, insbesondere vor dem Hintergrund der Frage nach dem Verhältnis von Subjekt und Struktur, auch andere feministische Wissenschaftler_innen und Geschlechterforschende aktuell umtreibt.

SM: Was macht Ihr Forschungsprojekt besonders?

JC: Ungleichzeitigkeiten im Geschlechterdiskurs, die sonst häufig in Zusammenhang mit Erwerbsarbeit und/oder Reproduktion analysiert werden, werden auch in meiner Untersuchung sichtbar - und zwar im Alltag der Jugendlichen. Somit lässt sich eine weitere Ebene herausarbeiten, auf der das komplexe und spannungsreiche Zusammenspiel von Wandel und Persistenz in Bezug auf Geschlecht wirksam wird.

SM: Mit wem würden Sie gern Ihr aktuelles Forschungsprojekt diskutieren? Und warum?

JC: Mit Menschen, die zu ähnlichen Themengebieten forschen und mit Menschen aus der Praxis, um weitere Perspektiven kennenzulernen und meine Erkenntnisse darauf aufbauend zu hinterfragen und zu erweitern sowie um damit auch Anregungen zu geben für machtkritische(re) Alltagsgestaltungen.

SM: Sie sitzen mit Freund_innen am Küchentisch und das Thema Gender wird angesprochen. Wie erklären Sie Ihren Bezug zum Thema und was es mit Ihrem Beruf zu tun hat?

JC: Es käme in dieser Situation auch darauf an, wie das Thema angesprochen wird... In den seltensten Fällen geschieht dies - zumindest meiner Erfahrung nach - in einem Kontext wie dem beschriebenen ja auf einer abstrakten Ebene, meist gibt es einen speziellen inhaltlichen, häufig aktuellen Bezug, der dann zum "Thema Gender" überleitet. Davon abhängig wäre auch mein Einstieg in die eigene Bezugnahme. Die würde aber über kurz oder lang höchstwahrscheinlich zu der Ausführung gelangen, dass Geschlecht trotz aller Gleichheitsbestrebungen noch immer ein zentraler Ungleichheitsfaktor ist und ich durch meine Tätigkeit u. a. Forschungen vorantreiben will, die sich mit Geschlecht als Struktur- und Ordnungskategorie beschäftigen, machtvolle Normalisierungen aufdecken und somit auch auf immer bestehende Hierarchien aufgrund von Geschlecht (und anderen Differenzkategorien) aufmerksam machen. 

SM: Was lesen Sie, wenn sie keine wissenschaftlichen Texte lesen?

JC: Romane und Essays.

SM: Welche Autor_innen lesen Sie gerne? Und wieso?

JC: Das wandelt sich. In letzter Zeit scharfsinnige und kluge Autorinnen wie Erika Mann, Hannah Arendt und Hilde Domin, die aus ihrer Perspektive politische und gesellschaftliche Entwicklungen im 20. Jahrhundert kritisch kommentieren.

SM: Welche Bücher würden Sie auf jeden Fall weiterempfehlen?

JC: Ein Zitat von Doris Lessing finde ich sehr zutreffend: "Denk daran, daß das Buch, das dich langweilt, wenn du zwanzig oder dreißig bist, eine Offenbarung sein kann, wenn du vierzig oder fünfzig bist - und umgekehrt." Daher ist es m. E. gar nicht so einfach, allgemeine Leseempfehlungen zu geben ... Ich versuche es trotzdem mit einer kleinen Auswahl: Lili Grün: Sämtliche Bücher, die sie hinterlassen konnte, bevor ihrem Leben und damit ihrem künstlerischen Talent und Schaffen durch die nationalsozialistischen Verbrechen ein gewaltsames Ende gesetzt wurde. Hedwig Dohm: Die Antifeministen, da es zwar vor über hundert Jahren geschrieben wurde, aber (leider) ganz aktuell wirkt. Weil es für mich ein schönes Beispiel engagierter und selbstreflektierter Wissenschaft ist: Didier Eribons Rückkehr nach Reims.

SM: Für was hätten Sie gerne mehr Zeit?

JC: Für vieles - mehr Zeit zum Lesen, Sprachen Lernen, Musizieren, Fußball- und Theaterspielen, im Sessel zu sitzen und aus dem Fenster zu gucken ...

SM: Was würden Sie an einem Tag unternehmen, an dem die gesamte technische Infrastruktur und alle technischen Geräte nicht funktionieren würden?

JC: Unter einem Baum liegen und lesen. Zählt ein Gaskocher zu technischem Gerät? Sonst würde ich mir damit dazu noch einen Kaffee kochen.

SM: Wen würden Sie gerne einmal treffen? Warum?

JC: Ich hätte gerne Audre Lorde einmal getroffen, um ihre kämpferische und inspirierende Art persönlich zu erleben.

SM: Wohin würden Sie gerne verreisen? Warum dorthin?

JC: Eigentlich genieße ich es derzeit - gerade jetzt im Frühling -, wenn ich einmal in Ruhe meine Zeit zu Hause genießen kann.

SM: An welchen Vorbildern - seien es Menschen oder Projekte -, orientieren Sie sich?

JC: Nachdem ich in der achten Klasse auf diese Frage hin von Mutter Teresa bis Che Guevara alle möglichen Ikonen des 20. Jahrhunderts aufgelistet habe, die, meiner damaligen Meinung nach, auf ihre jeweilige Weise für die "gute Sache" kämpften, bin ich inzwischen etwas zurückhaltender mit der Orientierung an konkreten Personen. Ich schätze bestimmte Eigenschaften oder auch einfach ein Handeln oder eine Entscheidung in einem speziellen Moment. Generell imponieren mir Menschen, die sich entgegen dem Zeitgeist an ihren eigenen Gerechtigkeitsvorstellungen orientiert haben - aber auch hier wären wieder Einschränkungen zu machen - je nachdem, wie diese Vorstellungen aussahen ... Und in Bezug auf Projekte: solche, die Menschen in Entscheidungen einbeziehen und demokratische Prozesse fördern.

SM: Ich habe Freude an meinem Beruf, weil ...

JC: ... ich hier kritisch denken, mich austauschen und diskutieren kann.

SM: Die LAGEN ist wichtig, weil ...

JC: ... mensch hier kritisch denken, sich austauschen und diskutieren kann.

SM: Ich wünsche der LAGEN, dass ...

JC: ... sie weiter als ein so produktives und konstruktives Netzwerk nach innen und außen aktiv ist.

SM: Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben!