Grundlagen & Begriffe

Warum Gender und Diversity in der Forschung berücksichtigen?

Forschung ist nicht unabhängig von gesellschaftlichen Unterschieden und Lebensrealitäten. Je nach Forschungsgegenstand und Fragestellung können Geschlecht, Alter, soziale Lage, Behinderung oder andere Diversity-Dimensionen Einfluss darauf haben, welche Fragen gestellt, welche Daten erhoben und wie Ergebnisse interpretiert werden. Auch die Anwendbarkeit von Forschungsergebnissen kann davon beeinflusst werden.

Die Berücksichtigung von Gender- und Diversity-Aspekten kann deshalb dabei helfen, blinde Flecken zu erkennen, die Aussagekraft von Forschungsergebnissen zu erhöhen und deren Übertragbarkeit und gesellschaftliche Relevanz zu verbessern. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) weist darauf hin, dass Geschlecht und andere Diversitätsdimensionen die Aussagekraft und Anwendbarkeit von Forschungsergebnissen beeinflussen können. Internationale Ansätze wie „Gendered Innovations” zeigen anhand zahlreicher Forschungsbeispiele zudem, wie Sex-, Gender- und intersektionale Analysen neue wissenschaftliche Erkenntnisse ermöglichen können.

Dabei gilt: Nicht jede Gender- oder Diversity-Dimension ist für jedes Forschungsvorhaben relevant. Vielmehr ist entscheidend, ihre mögliche Bedeutung aus dem Forschungsstand, dem Forschungsgegenstand, den theoretischen Annahmen, der Fragestellung und dem methodischen Vorgehen abzuleiten.

Am Anfang steht die Relevanzprüfung

Dabei ist zu klären, welche Gender- und Diversitydimensionen für den Forschungsgegenstand, die Fragestellung, die Methoden, die Analyse oder den Transfer von Bedeutung sein könnten und warum.

Eine solche Prüfung kann auch zu dem begründeten Ergebnis führen, dass bestimmte oder sämtliche Gender- und Diversitydimensionen für ein konkretes Vorhaben keine oder nur eine geringe Relevanz besitzen. Auch die DFG betont ausdrücklich, dass ihre Bedeutung je nach Forschungskontext, Thema und Methode variiert.

Eine hilfreiche Orientierung für diese Relevanzprüfung bietet die Checkliste der DFG. Sie regt dazu an, insbesondere zu prüfen, ob:

  • Geschlechts- und Diversitätsaspekte bei Forschung an oder über Menschen und Tiere, 
  • bei entsprechendem biologischem Material oder Daten sowie 
  • bei der späteren Nutzung und Anwendung von Forschungsergebnissen eine Rolle spielen können.

Dabei sollen mögliche Auswirkungen auf Forschungsfragen, Theoriebildung, Untersuchungsmethoden sowie Datenerhebung und -analyse berücksichtigt werden. Auch die Bedeutung von Geschlechts- und Diversitätsaspekten der Forschenden für den Forschungsprozess und die Ergebnisse kann geprüft werden. 

Siehe hierzu auch die Themenseite zu Gender & Diversity im Forschungsprozess.

Sex, Gender und Geschlecht

Die Begriffe „Sex” und „Gender” bezeichnen unterschiedliche, zugleich aber miteinander verbundene Dimensionen von Geschlecht. Für Forschungsvorhaben ist es entscheidend, genauer zu bestimmen, welche dieser Dimensionen relevant sind und wie sie theoretisch gefasst und empirisch untersucht werden können.

Der deutsche Begriff „Geschlecht” kann sowohl biologische als auch soziale Dimensionen umfassen. Für Forschungsvorhaben ist es deshalb sinnvoll, genauer zu bestimmen, welcher Aspekt von Geschlecht gemeint ist und wie dieser theoretisch gefasst und empirisch erfasst wird.

Sex bezeichnet die körperlichen bzw. biologischen Geschlechtsdimensionen. Hierzu können beispielsweise genetische, hormonelle, anatomische oder physiologische Merkmale zählen.

Welche dieser Dimensionen für ein Forschungsvorhaben relevant sind, hängt von der jeweiligen Forschungsfrage ab. Insbesondere in der medizinischen und lebenswissenschaftlichen Forschung können geschlechtsspezifische Unterschiede beispielsweise für Krankheitsverläufe, Diagnostik, die Wirkung von Medikamenten oder die Übertragbarkeit von Forschungsergebnissen von Bedeutung sein.

Der Begriff Gender bezeichnet die sozialen und kulturellen Dimensionen von Geschlecht. Dazu gehören beispielsweise Geschlechterrollen und -normen, Geschlechtsidentitäten, gesellschaftliche Erwartungen, Arbeitsteilungen sowie soziale Beziehungen und Machtverhältnisse.

Gender kann unter anderem u.a. Verhalten, Lebensbedingungen, Expositionen, Zugänge zu Ressourcen oder auch die Nutzung von Technologien und Angeboten beeinflussen.

Sex und Gender zusammendenken: Sex und Gender sind nicht grundsätzlich als voneinander unabhängige Einflussgrößen zu verstehen. Biologische, soziale und umweltbezogene Prozesse können miteinander interagieren. Für die konkrete Forschungsfrage sollte deshalb geprüft werden, welche Dimensionen tatsächlich untersucht werden und wie sie miteinander zusammenhängen.

Diversity und Intersektionalität

Während eine Diversity-Perspektive unterschiedliche soziale Positionierungen, Lebenslagen und Differenzdimensionen in den Blick nimmt, richtet eine intersektionale Perspektive besondere Aufmerksamkeit auf deren Zusammenwirken sowie auf die damit verbundenen gesellschaftlichen Macht- und Ungleichheitsverhältnisse.

Diversity bzw. Diversität bezeichnet Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Menschen sowie unterschiedliche soziale Positionierungen und Lebenslagen. Für Forschung können beispielsweise Geschlecht, Alter, soziale Herkunft, Behinderung, ethnische bzw. rassifizierte Zuschreibungen, sexuelle Orientierung, Religion oder sozioökonomische Bedingungen relevant sein.

Eine Diversityperspektive richtet den Blick dabei nicht allein auf individuelle Merkmale, sondern auch auf die gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen, unter denen Unterschiede Bedeutung erlangen. Je nach Forschungsgegenstand kann daher beispielsweise relevant sein, ob unterschiedliche Personengruppen verschiedene Zugänge zu Ressourcen, Angeboten oder Technologien haben, unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt sind oder von Forschungsergebnissen in unterschiedlicher Weise betroffen sein können.

Welche Diversitydimensionen berücksichtigt werden sollten, hängt vom jeweiligen Forschungsgegenstand, der Fragestellung und dem methodischen Vorgehen ab. Die Aufzählung möglicher Dimensionen ist daher weder abschließend noch als Checkliste zu verstehen. Entscheidend ist nicht die Anzahl berücksichtigter Dimensionen, sondern deren theoretisch und methodisch begründete Auswahl und angemessene Berücksichtigung im Forschungsprozess.

Intersektionalität beschreibt das Zusammenwirken verschiedener sozialer Positionierungen und Ungleichheitsverhältnisse. Der maßgeblich von Kimberlé Crenshaw geprägte Ansatz verdeutlicht, dass beispielsweise Geschlecht, soziale Lage oder rassistische Zuschreibungen nicht unabhängig voneinander wirken und deshalb auch nicht ausschließlich getrennt betrachtet werden sollten (Crenshaw 1989). Eine intersektionale Forschungsperspektive untersucht daher, wie unterschiedliche Dimensionen miteinander zusammenwirken und welche Bedeutung gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse dabei haben. Auch die Autor*innen der Gendered Innovations Sammlung (Schiebinger et al. 2011–2020) betonen für intersektionale Analysen die Bedeutung des jeweiligen gesellschaftlichen und institutionellen Kontextes.

Die Abbildung veranschaulicht beispielhaft, dass unterschiedliche soziale Positionierungen und Merkmale – etwa Geschlecht, Alter, Behinderung, soziale Lage, Sexualität oder ethnische bzw. rassifizierte Zuschreibungen – gleichzeitig wirksam sein und sich wechselseitig beeinflussen können. Die dargestellten Dimensionen sind dabei weder vollständig noch für jedes Forschungsvorhaben gleichermaßen relevant; welche Verschränkungen berücksichtigt werden sollten, hängt vom jeweiligen Forschungsgegenstand und Kontext ab. In Forschung und Praxis finden sich unterschiedliche Darstellungen solcher „Intersectionality Wheels“, die je nach Kontext verschiedene Dimensionen hervorheben. Sie sind daher als veranschaulichende Orientierung und nicht als abschließende Kategorisierung zu verstehen.

 

Abbildung: „Intersectionality Wheel“, Elizabeth Pearce & Michaela Willi Hooper, Open Oregon Educational Resources, CC BY 4.0.

Gleichstellung und Diversity im Forschungssystem oder Gender und Diversity im Forschungsinhalt?

Für Forschungsanträge ist eine wichtige Unterscheidung zwischen der strukturellen Ebene und der inhaltlich-methodischen Ebene zu treffen.

Strukturelle Ebene – Wer forscht?
Hier geht es beispielsweise um die Zusammensetzung des Forschungsteams, Chancengerechtigkeit, Arbeitsbedingungen, Karriereentwicklung, Vereinbarkeit von Arbeist- und Privatleben oder Maßnahmen zur Förderung unterrepräsentierter Gruppen.

Inhaltlich-methodische Ebene – Was und wie wird geforscht?
Hier geht es darum, ob Gender- und Diversitydimensionen für Forschungsgegenstand, Forschungsfragen, Theorien und Konzepte, Daten und Stichproben, Methoden, Analyse, Interpretation oder Transfer relevant sind.

Beide Ebenen sind wichtig, verfolgen jedoch unterschiedliche Ziele. So bedeutet eine ausgewogene oder diverse Zusammensetzung eines Forschungsteams beispielsweise nicht automatisch, dass Gender- oder Diversityaspekte auch im Forschungsinhalt berücksichtigt werden.

Die DFG und die EU Kommission unterscheiden entsprechend ausdrücklich zwischen der Relevanz von Geschlecht und Diversität für Forschungsinhalt und Forschungsmethoden einerseits und Maßnahmen zu Chancengleichheit und Diversität im Wissenschaftssystem andererseits. → Informationen zu Vorgaben von Förderorganisationen

 

Forschungskategorien kritisch reflektieren

Kategorien wie „Frauen und Männer“, „mit und ohne Migrationshintergrund“ oder „Menschen mit und ohne Behinderung“ spiegeln nicht die Realität wider, sondern sind das Resultat begrifflicher und theoretischer Kategorisierungsprozesse. Insbesondere binäre bzw. dichotome Einteilungen können komplexe und graduelle Unterschiede reduzieren und Personen außerhalb dieser Gegenüberstellungen unsichtbar machen. Zugleich können solche Kategorien sehr heterogene Personengruppen, Erfahrungen und Lebenslagen zusammenfassen und damit relevante Unterschiede innerhalb der jeweiligen Gruppen verdecken.

Für die Forschung ist daher nicht allein relevant, ob eine Gender- oder Diversitydimension erhoben wird, sondern auch, wie sie konzeptualisiert und operationalisiert wird. Zu reflektieren ist insbesondere:

  • Was soll mit der jeweiligen Kategorie erfasst werden?
  • Welche theoretischen Annahmen liegen der Kategorisierung zugrunde?
  • Ist die gewählte Operationalisierung für die Forschungsfrage angemessen?
  • Welche Unterschiede und Heterogenitäten innerhalb einer Kategorie könnten durch die gewählte Einteilung verdeckt werden?
  • Sind Wechselwirkungen oder Überschneidungen mit anderen Gender- oder Diversitydimensionen für die Forschungsfrage relevant?

Die bloße Aufnahme von Geschlecht oder anderen Diversitymerkmalen in einen Datensatz stellt daher noch keine systematische Gender- oder Diversityanalyse dar. Entscheidend ist vielmehr, ob ihre mögliche Bedeutung für den Forschungsgegenstand und die Forschungsfrage theoretisch reflektiert und methodisch angemessen berücksichtigt wird – etwa im Forschungsdesign, bei der Datenerhebung und -analyse sowie bei der Interpretation der Ergebnisse.

NDS LAGEN
MWK Niedersachsen