Stina Mentzing im Gespräch mit Jonas Nesselhauf, Juniorprofessor für "Europäische Medienkomparatistik" in der Fachrichtung Kunst- und Kulturwissenschaft der Universität des Saarlandes

SM: Können Sie Ihre aktuelle wissenschaftliche Tätigkeit in zwei bis drei Sätzen skizzieren?

JN: Gewiss doch.

SM: Dann mal los!

JN: Ich bin seit Januar 2019 als Juniorprofessor für "Europäische Medienkomparatistik" in der Fachrichtung Kunst- und Kulturwissenschaft der Universität des Saarlandes. Dort beschäftige ich mich in Forschung und Lehre mit dem Vergleich unterschiedlicher Medien und Künste in einer dezidiert europäischen Perspektive.

SM: Welche Relevanz hat Gender in Ihrem Fachbereich?

JN: Naja, Fragen von Gender und Diversity spielen natürlich eine sehr wichtige Rolle - und das einerseits in meiner wissenschaftlichen Forschung und den Lehrveranstaltungen, aber natürlich auch auf dem Campus, wo ich jeden Tag aufs Neue zu einem gendersensiblen Arbeits- und Lernumfeld beitragen möchte.

SM: Seit wann sind Sie bei der LAGEN aktiv und über welche Mitgliedseinrichtung nehmen Sie an der LAGEN teil?

JN: Ich kam 2017 zur LAGEN, als ich als PostDoc an der Universität Vechta in den Kulturwissenschaften geforscht und gelehrt habe. Diesen Verbund von Forschenden aus unterschiedlichen Disziplinen und mit ganz verschiedenen Perspektiven auf das Thema Gender fand ich wahnsinnig spannend - und nicht zuletzt hilfreich, um Kolleginnen und Kollegen an anderen niedersächsischen Universitäten zu finden, die zum gleichen Thema arbeiten. Dies hat inzwischen auch schon zu fruchtbaren Kooperationen und Gastvorträgen geführt.

SM: Ihre letzte Publikation in einem Satz?

JN: Gerade ist ein kleiner Sammelband erschienen, der sich literarischen "Körperbewegungen in (Nach-)Kriegszeiten" von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart annimmt.

SM: Welchen Bezug hat Ihr Buch zur aktuellen feministischen Forschung bzw. zur Geschlechterforschung/Gender Studies?

JN: Da es vorwiegend um literarische Darstellungen von Soldaten geht, ist die Geschlechterforschung etwas 'einseitig' vertreten, wird aber durch das spannende Forschungsfeld der "Masculinity Studies" vertreten. Unsere BeiträgerInnen stellen beispielsweise Fragen nach zu der/n Männlichkeit/en dieser literarischen Kriegsheimkehrer, die teilweise verwundet oder traumatisiert den schwierigen Weg zurück in die Zivilgesellschaft suchen.

SM: Wem würden Sie Ihr Buch empfehlen?

JN: Nun, das spannende an diesem Sammelband ist seine komparatistische Breite: Die Beiträge decken ein Feld literarischer, künstlerischer (und später: filmischer) Darstellungen ab, das vom 17. bis ins 21. Jahrhundert reicht. Aufsätze gibt es ebenso zur österreichischen Schriftstellerin Marlene Streeruwitz wie zu eher wenig erforschten US-amerikanischen Science-Fiction-Autoren, zu 'Klassikern' wie Heinrich von Kleist oder britischen Dramatikerin Sarah Kane, zum Maler Otto Dix oder zu Arbeiten von noch relativ unbekannten bosnischen Fotografen. Trotz des sicherlich 'unbequemen' Themas laden unsere exemplarischen Fallbeispiele daher zu Neuentdeckungen wie zur Neulektüre ein.

SM: Ihr aktuelles Forschungsprojekt in einem Satz?

JN: Mich interessiert im Moment die Pornographie aus einer medien- und kulturgeschichtlichen Perspektive heraus. Damit meine ich nicht - bzw. nur sehr am Rande - die filmische Pornographie oder die mit zwei Klicks im Internet aufrufbaren 'Schmuddelfilmchen', sondern vielmehr die Darstellung von Nacktheit und Sexualität generell und besonders in einem überblickenden Medienvergleich. Denn ganz sicher lassen sich hier gewisse Topoi finden, die kultur-, sprach- und medienübergreifend seit Jahrhunderten bestehen - auch wenn diese Fragen einen Großteil der 'Konsumenten' von Pornos wohl nicht so sehr interessiert...

SM: Welchen Bezug hat Ihr Forschungsprojekt zur aktuellen feministischen Forschung bzw. zur Geschlechterforschung/Gender Studies?

JN: Naja, dadurch dass Pornographie ja immer eine 'Abbildung', eine 'Inszenierung' von Sexualität(en) ist und sich dezidiert an einen Rezipienten richtet, wird hier gezielt mit Geschlechterrollen gespielt. In der filmischen - nennen sie mal "Mainstream-Pornographie" - finden wir beispielsweise das einseitige und natürlich falsche, letztlich auch gefährliche Bild der allzeit 'bereiten' und der Lust des Mannes dienenden Frau. Dies ist natürlich ein Phantasiekonstrukt, das einen männlichen Zuschauer ansprechen soll, muss aber keineswegs immer so sein, denken Sie etwa an den weiblichen Libertin, selbst bei Marquis de Sade. Und umso spannender ist, dass sich in den vergangenen Jahren eine 'feministische Pornographie' entwickelt und etabliert hat, die inzwischen wie selbstverständlich bei Versandhändlern im Internet oder im DVD-Sortiment (beispielsweise im 'Kulturkaufhaus' in Berlin) angeboten wird. Hier wird nicht nur (endlich) auch die Lust der Frau als gleichberechtigt inszeniert, sondern die teilweise avantgardistischen Projekte (so geht etwa Dirty Diaries von 2009 mit einem Manifest einher!) orientieren sich an Forschungsansätzen der Gender und Queer Studies. Bei Interesse sei übrigens auf das The Feminist Porn Book verwiesen, erschienen in der Feminist Press der City University of New York.

SM: Mit wem würden Sie gern Ihr aktuelles Forschungsprojekt diskutieren? Und warum?

JN: Ach, ich fände eine Diskussionsrunde mit 'Gegnerinnen' von Pornographie, wie etwa mit (der leider verstorbenen) Andrea Dworkin, Catharine MacKinnon oder Alice Schwarzer auf der einen und Regisseurinnen einer solchen 'feministischen Pornographie' wie Tristan Taormino, Erika Lust oder Petra Joy auf der anderen Seite wahnsinnig reizvoll und für beide Seiten bereichernd. Denn eine ausgewogene Diskussion ist schwierig und selten, dafür schaukeln sich Positionen, die Pornographie entweder pauschal als 'Vorstufe zur Vergewaltigung' (so ja Robin Morgan) verdammen oder vereinfacht als 'free speech' (so die Grundlagenurteile in den USA) verteidigen, häufig zu schnell hoch.

SM: Was lesen Sie, wenn sie keine wissenschaftlichen Texte lesen?

JN: Das passiert selten genug, aber ich meine mich zu erinnern, dass mir Romane und Filme immer sehr gut gefallen haben. Nein, ich bin leidenschaftlicher Museumsgänger und versuche schon, an einem Wochenende im Monat zu einer spannenden Ausstellung nach Berlin oder Hamburg, Köln oder Frankfurt, München oder Baden-Baden zu fahren. Und im Zug dorthin ist dann auch Zeit zum Lesen!

SM: Und welche Autor_innen lesen Sie gerne? Und wieso?

JN: Hm, gerne die großen 'Geschichtenerzähler' der letzten Jahre wie Philip Roth und Siri Hustvedt, John Irving und Zadie Smith, Julian Barnes und Ian McEwan, Herta Müller und Ágota Kristóf, David Foster Wallace und Karl Ove Knausgård. In diesem Sinne war Hanya Yanagiharas Roman A Little Life eine fantastische Entdeckung, die mich sprachlich umgeworfen hat.

SM: Welche Bücher würden Sie auf jeden Fall weiterempfehlen?

JN: Naja, der Literaturwissenschaftler in mir würde unbedingt zu James Joyce und dem monumentalen Ulysses raten - schlicht, weil es der sicherlich einflussreichste Roman des 20. Jahrhunderts ist. Und danach dann Finnegans Wake neben das Bett legen und als Tagesration eine Seite vor dem Einschlafen lesen. Mehr von dieser Sprachexplosion schafft man ohnehin nicht...

SM: Für was hätten Sie gerne mehr Zeit?

JN: Ach, ich glaube, dass ich inzwischen eine sehr ausgewogene Balance zwischen Unialltag und Privatleben, zwischen Büro und Couch, zwischen Stadt und Natur gefunden habe. Das war allerdings auch mal anders...

SM: Was würden Sie an einem Tag unternehmen, an dem die gesamte technische Infrastruktur und alle technischen Geräte nicht funktionieren würden?

JN: Ich finde ja, das Konzept der Flaschenpost wird unterschätzt. (lacht) Nein, da ich tatsächlich sehr häufig handschriftliche Briefe schreibe, würde ich - nachdem ich realisiert habe, dass ich wirklich keine E-Mails beantworten muss! - die freie Zeit in Morgenspaziergang und Mittagsschlaf investieren. Und am Abend die Notfallpizza aus dem Tiefkühlregal über ein Lagerfeuer halten, denn da tropft schon Wasser aus dem Eisfach...

SM: Wen würden Sie gerne einmal treffen?

JN: Hm, für eine Zigarette mit Helmut Schmidt oder Hannah Arendt würde ich wohl tatsächlich das Rauchen anfangen. Wobei ich mir gerade einen Cheeseburger mit Donald Trump auch sehr unterhaltsam vorstellen würde (lacht). Oder vielleicht auch nicht...

SM: Wohin würden Sie gerne verreisen?

JN: Bei einer Konferenz in Gent musste ich im vergangenen Jahr feststellen, wie wenig ich die kleineren Städte in Belgien und den Niederlanden kenne. Der Schienenverkehr dort ist ausgezeichnet, und auch die Zuganbindung von Deutschland aus sehr gut. Ansonsten würden mich Reisen durch die skandinavischen Länder reizen...

SM: An welchen Vorbildern - seien es Menschen oder Projekte -, orientieren Sie sich?

JN: An keinen konkreten Menschen oder Projekten, eher am eigenen moralischen Kompass. Oder etwas poetischer mit dem 'Barden': "This above all: to thine own self be true." 

SM: Ich habe Freude an meinem Beruf, weil ...

JN: ... ich (fast) jeden Tag genau das machen kann, was mir liegt und was ich wichtig finde.

SM: Die LAGEN ist wichtig, weil ...

JN: ... Gender und Diversity im Wissenschaftsbetrieb ohne eine solche Instanz leider häufig nicht ernst genommen werden.

SM: Ich wünsche der LAGEN, dass ...

JN: ... das interdisziplinäre Netzwerk weiter wächst und auch in der Zukunft ein Schwerpunkt auf der Nachwuchsförderung liegen wird.

SM: Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben!

JN: Danke für die schönen Fragen!