Rubina Hiller im Gespräch mit Lisa Kalkowski, Koordinatorin der LAGEN Geschäftsstelle
RH: Können Sie Ihre aktuelle wissenschaftliche Tätigkeit in zwei bis drei Sätzen skizzieren?
LK: Aktuell unterrichte ich Lehraufträge zum Thema Geschlecht und Identität in der englischen Kinder- und Jugendliteratur. Außerdem habe ich im Dezember 2024 meine Dissertation über Körper und Geschlecht in neo-viktorianischer Literatur eingereicht.
RH: Welche Relevanz hat Gender in Ihrem Fachbereich?
LK: Gender ist eines von vielen möglichen Analysekriterien in der englischen Literaturwissenschaft, dessen Berücksichtigung unabdingbar ist, wenn man die Dimensionen eines Textes, seine Bedeutungsebenen, seine historischen und sozialen Kontexte erschließen möchte. Es ist eine etablierte und anhaltend relevante Disziplin, die sich ständig dynamisch weiterentwickelt und neue Dimensionen aufzeigt. Die Analyse von Geschlechteraspekten ist außerdem, zumindest nach meiner langjährigen Lehrerfahrung, bei Studierenden eines der beliebtesten Themenschwerpunkte für eigene Haus- und Abschlussarbeiten.
RH: Seit wann sind Sie bei der LAGEN aktiv und über welche Mitgliedseinrichtung nehmen Sie an der LAGEN teil? Was ist Ihre Funktion (Professur, wissenschaftliche_r Mitarbeiter_in, o.Ä.) in dieser Einrichtung?
LK: Ich habe von April 2023 bis März 2025 die Koordination der LAGEN-Geschäftsstelle geleitet.
RH: Welche Tätigkeiten beinhaltet Ihre Mitarbeit an der LAGEN?
LK: Ich koordiniere unter anderem das Tagesgeschäft der LAGEN-Geschäftsstelle, organisiere die Sitzungen der Gemeinsamen Kommission, des Editorial Boards und der AGs, verwalte die Finanzen, und unterstütze bei der Organisation der LAGEN-Veranstaltungen.
RH: Ihr letztes Forschungsprojekt in einem Satz?
LK: In neo-viktorianischen Romanen lassen sich vielfältige Repräsentationen von geschlechtlicher Körperlichkeit aufzeigen, welche ein binäres Verständnis von Geschlecht gleichzeitig verstärken, hinterfragen und untergraben, indem sie jede Art von Geschlecht und Körperlichkeit als instabil und vergänglich entlarven.
RH: Welchen Bezug hat Ihr Forschungsprojekt zur aktuellen feministischen Forschung bzw. zur Geschlechterforschung/Gender Studies?
LK: Meine Dissertation untersucht ein bestimmtes Genre hinsichtlich der Repräsentationen von Körper und Geschlecht und wie diese beiden Konzepte miteinander interagieren, sich bedingen und konstituieren. Dabei berücksichtige ich aktuelle Aspekte gerade aus den Masculinity und Queer Studies, um zu untersuchen, wie sich zeitgenössische historische Romane in der Dialektik zwischen vermeintlich historischer Authentizität und aktueller Lesendenschaft positionieren.
RH: Was macht Ihr Forschungsprojekt besonders?
LK: Ich hoffe, damit einen wichtigen Forschungsbeitrag zur Erforschung des Genres der neo-viktorianischen Literatur zu leisten, welche besonders in den Bereichen der Männlichkeitsforschung und der Repräsentation von Queerness noch unterforscht ist.
RH: Sie sitzen mit Freunden am Küchentisch und das Thema Gender wird angesprochen. Wie erklären Sie Ihren Bezug zum Thema und was es mit Ihrem Beruf zu tun hat?
LK: Mein Beruf ist, mich mit literarischen und kulturellen Texten zu beschäftigen. Textbedeutungen sind nicht eindimensional oder endgültig festgelegt, sie entstehen vielmehr dadurch, durch welche Art von Brille man die Texte betrachtet. Die Analyse von Gender ist eine von unendlich vielen Möglichkeiten, Texte zu lesen und analysieren - aber das Spannende ist, das Gender dabei keine einfarbige Brille darstellt, sondern vielmehr ein Kaleidoskop, durch das jeder Text bunter, spannender und vielschichtiger wird.
RH: Was lesen Sie, wenn sie keine wissenschaftlichen Texte lesen?
LK: Historische Romane, Fantasyromane, Kinder- und Jugendliteratur, Comics und Mangas, transformative Werke einer breit gefächerten Fan-Kultur.
RH: Welche Autor_innen lesen Sie gerne? Und wieso?
LK: Ich mag Autor_innen, die es schaffen, so spannende und vielschichtige Romane zu schreiben, dass man sie nicht mehr aus der Hand legen kann (Jane Harris, Sarah Waters und Leigh Bardugo fallen mir da ein). Und ich mag Autor_innen, die mit Witz und Humor Aspekte einer bestimmten Gesellschaft abbilden, sich aber nicht mit ihrem Status Quo zufriedengeben (Gerald Morris und Terry Pratchett zum Beispiel).
RH: Welche Bücher würden Sie auf jeden Fall weiterempfehlen?
LK: Alle Bücher von Tove Jansson. Egal, ob man mit den Mumin-Büchern oder ihren Romanen anfängt, jeder ihrer Texte ist besonders.
RH: Für was hätten Sie gerne mehr Zeit?
LK: Das Schreiben von nicht-wissenschaftlichen Texten.
RH: Was würden Sie an einem Tag unternehmen, an dem die gesamte technische Infrastruktur und alle technischen Geräte nicht funktionieren würden?
LK: Ich würde Freundinnen einladen und mit ihnen gemeinsam puzzeln und Brettspiele spielen.
RH: Wen würden Sie gerne einmal treffen? Warum?
LK: Da fällt mir niemand konkretes ein. Ich glaube, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, trifft man ohnehin unglaublich viele spannende Menschen.
RH: Wohin würden Sie gerne verreisen? Warum dorthin?
LK: Ich möchte gerne noch viel mehr von Deutschland und England entdecken: mein Ziel ist, in beiden Ländern alle Burgen und Schlösser zu besichtigen. Außerdem würde ich gerne einmal nach Japan reisen und dort vor allem die Landschaft und abgelegener Orte erkunden.
RH: An welchen Vorbildern - seien es Menschen oder Projekte -, orientieren Sie sich?
LK: Ich habe keine konkreten Vorbilder, aber ich finde Menschen inspirierend, die sich mutig und unermüdlich für Demokratie, Gleichberechtigung und Bildung engagieren.
RH: Ich habe Freude an meinem Beruf, weil ...
LK: ... mir der vielfältige und breit gefächerte Austausch mit den unterschiedlichen Fachdisziplinen gefällt, ich die abwechslungsreiche Arbeit zu schätzen weiß und die Unterstützung der Geschlechterforschung ein Anliegen ist, welches mir persönlich am Herzen liegt.
RH: Die LAGEN ist wichtig, weil ...
LK: ... sie einen essenziellen Beitrag zur Vernetzung und Sichtbarmachung der niedersächsischen Frauen- und Geschlechterforschung einnimmt, eine zentrale Rolle in der Wissenschaftskommunikation spielt und viele unterschiedliche Hochschulen und Fachdisziplinen zusammen an einen Tisch bringt.
RH: Ich wünsche der LAGEN, dass ...
LK: ... sie weiterhin eine langfristige und verlässliche Unterstützung erfährt, damit sie selbst erfolgreich Wissenschaftler_innen, Forschende und Hochschullehrende der Gender Studies aktiv unterstützen, vernetzen und deren diverse Arbeit und Projekte sichtbar machen kann.
RH: Wollen Sie noch ein Schlusswort sprechen/einen abschließenden Satz sagen?
LK: Herzlichen Dank für zwei tolle Jahre der produktiven und spannenden Zusammenarbeit!
Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben!
Interview vom 28.03.2025