Liebe Miriam,

du hast im Jahr 2020 erfolgreiche deine Dissertationsschrift an der Universität Vechta verteidigt und dafür das Publikationsstipendium der LAGEN erhalten. Wir garatulieren dir recht herzlich! Aktuell arbeitest du nun an der Veröffentlichung deiner Dissertationsschrift, die in unserer L'AGENda-Reihe erscheint und den Titel "Female Social Entrepreneurship. Challenging boundaries and reframing gender and economic structures" trägt.

Womit hast du dich in deiner Dissertation beschäftigt und wie bist du zu dem Thema gekommen?

Meine Promotion hatte die ganzheitliche Darstellung und Analyse des Female Social Entrepreneurship in Deutschland als Ziel. Mich hat sehr interessiert, ob das Sozialunternehmertum in Verbindung mit feministischen Ansätzen das Potential zur Transformation des Entrepreneurship Systems haben kann. Dafür habe ich ein deskriptives Forschungsdesign angewendet und insgesamt 25 Interviews mit Sozial-Unternehmer*innen und Expert*innen geführt. Weiterhin habe ich eine Sekundäranalyse des Sozialunternehmertums in Deutschland durchgeführt. Schwerpunkt hier war die Darstellung der politischen und ökonomischen Richtlinien und die Formen und Inhalte der verschiedenen Initiativen zur Unterstützung und Förderung von Sozialen Unternehmen.

Zum Thema bin ich durch meine bisherigen Berufserfahrungen gekommen, in denen ich in unterschiedlichen Bereichen verschiedene Social Entrepreneurs kennengelernt habe. Ich habe diese alle als sehr inspirierend empfunden und war begeistert von dem Impact den sie erreichen. Als ich danach herausgefunden habe, dass der Frauen* Anteil im allgemeinen Unternehmertum in Deutschland nur um die 15% liegt, im Gegensatz zu ungefähr 49% im Bereich des Social Entrepreneurship, war mir klar, dass ich Social Entrepreneurship durch eine Genderbrille genauer betrachten wollte.

Wo würdest du die Arbeit theoretisch einordnen?

Die wichtigsten Aspekte des epistemologischen Ansatzes dieser Dissertation sind der Sozialkonstruktivismus und die feministische post-strukturalistische Theorie. Dadurch wird vor allem eine kontextualisierte Sichtweise auf das Unternehmertum unterstrichen und insbesondere beim female social entrepreneurship die Vermeidung der Suche nach einer essenziellen Beziehung zwischen dem Weiblichen (female) und dem Sozialen betont. Darüber hinaus wird der Fokus auf die Analyse der Form und Absicht des female social entrepreneurship gelegt, wobei untersucht wurde, wie das Geschlecht innerhalb des sozialen unternehmerischen Ökosystems konstruiert wird.

Worin sieht du deinen Beitrag zu dem Forschungsfeld?

Da es bisher sehr wenige Studien in dem Bereich gibt, hat meine Analyse grundsätzlich dazu beigetragen, dass die Lücke von Studien zu Sozialunternehmertum und Geschlecht kleiner wird. Über den akademischen Mehrwehrt hinaus, habe ich mich aber sehr gefreut, dass meine Forschung deutschen Sozialunternehmer*innen eine Stimme gibt und deren Perspektiven darstellt. Außerdem werden einige Dimensionen des Ökosystems des sozialen Unternehmertums in Deutschland beschrieben. Einige meiner Ergebnisse bestätigen Analysen anderer Studien (z.B. Motivationen und Managementpraktiken), jedoch wurden auch neue Erkenntnisse zu Diskursen über Gender im Sozialen Unternehmertum identifiziert. Diese unterstreichen die Art und Weise, wie Frauen entwickelt haben, die Ökonomie neu zu gestalten, indem sie die Grenzen zwischen Markt und Haushalt, Care-Arbeit und "produktiver" Arbeit, dem Ökonomischen und der Reziprozität verwischen. Durch meine Arbeit entstand ein ganzheitlicher Rahmen für die Analyse von (sozialem) Unternehmertum auf einer detaillierten Analyse der Herausforderungen und Potenziale der Überschneidung von Geschlecht, Unternehmertum und dem sozialen Bereich. Ich habe zudem eine Definition von Social Entrepreneurship erarbeitet, die auf einer Literaturanalyse sowie auf meinen empirischen Ergebnissen basiert. Es werden Ideen zur Förderung von sozialem Unternehmertum und Empfehlungen für das Feld und die zukünftige Forschung vorgeschlagen. Schließlich unterstreicht meine Dissertation das Potenzial des sozialen Unternehmertums als Verbündeter für Übergangsprozesse hin zu einer vollständigen Ausrichtung an sozialwirtschaftlichen Werten. Dazu stellt die Arbeit die eurozentrierte Norm in Frage, indem diese das geschlechtsspezifische Profil deutscher Sozialunternehmer als unverwechselbar und kontextabhängig analysiert, und zeigt, wie Geschlecht female social Entrepreneurship positioniert, begünstigt und benachteiligt.

Leider zeigte meine Arbeit, dass in der Politik und Wirtschaft noch viel zu tun ist, um Social Entrepreneurship im Speziellen sowie neue Wirtschafts- und Unternehmensmodelle im Allgemeinen zu fördern und unterstützen. Insbesondere aber unterstreicht die Arbeit, dass im Bereich von Geschlecht, genau so viel gemacht werden muss wie bei allen anderen Bereichen. Dringend sind gender-bewusste Richtlinien etwa in der Care-Arbeit, Rollenbilder, Gender (oder Intersectional) Mainstreaming, Verfügbarkeit und Zugang zu Fördermitteln mit einem Gender-Ansatz sowie der Entwicklung von Alternativen für gleichberechtigte und nachhaltige Lebensbedingungen notwendig. Meine Dissertation letztlich aber gezeigt, dass dieser Bereich das Potenzial hat Gender neu zu gestalten, die Ökonomie neu zu gestalten, die Normen herauszufordern; mit einem "re-doing" von reproduktiver und produktiver Arbeit, in Richtung eines echten systemischen Wandels zu einer (re)produktiven Wirtschaft zu arbeiten.

Wer sollte deine Dissertationsschrift lesen?

Student*innen und Forscher*innen im Bereich der Geschlechterforschung aber natürlich auch allen Interessierten und Neugierigen im Bereich (Social) Entrepreneurship sowie Entscheidungsträger*innen in der Politik und Wirtschaft.

Der Abschluss der Promotion ist ein bedeutender Schritt und bis dahin erscheint der Weg oft lang und durchaus steinig. Hast du einen Tipp an all diejenigen, die das Ziel 'Abgabe' noch vor sich haben?

Eine Dissertationsschrift zu "meistern" ist ein sehr individueller Prozess: jeder Mensch hat ein eigenes Tempo und besondere Stärken und Arbeitsweisen. Für mich persönlich war es sehr wertvoll mir am Anfang einen groben Plan zu machen, wann welcher Arbeitsschritt ungefähr passiert sein sollte und welche Erkenntnisse ich für die nächsten Schritte brauche. So konnte ich mir den großen Berg an Arbeit in den Themenbereichen in kleine Etappen einteilen. Das hilft auch dabei gedankliche Schlussstriche unter Kapitel zu ziehen. In meinem Fall war die Planung, Durchführung und Auswertung der Interviews zum Beispiel ein wichtiger Meilenstein.

Was mir auch sehr geholfen hat war der Austausch mit Kolleg_innen und Expert_innen im Rahmen verschiedener Treffen und Formate. Konferenzen und Kolloquien sowie Workshops waren für mich manchmal herausfordernde aber wichtige Möglichkeiten meinen Arbeitsstand aufzubereiten, zu diskutieren und zu schärfen. Auch Blicke aus anderen Fachdisziplinen auf die eigene Vorgehensweise und ehrliche konstruktive Kritik sind wertvoll.

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