© kasto - Fotolia.com

Dr. Tanja Schwan und Daniela Hrzán, Bericht vom 19. März 2015

Unter dem Motto "Theorien – Methodologien – Methoden: Einblicke in das Selbstverständnis und in Forschungsprojekte der Geschlechterstudien / Gender Studies in Niedersachsen" fand am 4. März 2015 an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH) die Jahrestagung der LAGEN statt.

Die Sprecherin der LAGEN, Prof. Dr. Corinna Onnen (Universität Vechta), eröffnete die Veranstaltung und begrüßte sehr herzlich alle Teilnehmer_innen und Gäste, die aus den über das Land verteilten Standorten der derzeit acht LAGEN-Mitgliedseinrichtungen, aber auch von anderen Hochschulen und (wissenschafts)politischen Institutionen Niedersachsens sowie angrenzender Gebiete in Nordrhein-Westfalen oder Berlin zahlreich angereist waren. Dankesworte richtete die LAGEN-Sprecherin an die anwesenden Vertreterinnen des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, Staatssekretärin Andrea Hoops und Ministerialrätin Dr. Barbara Hartung, die für Gleichstellung zuständige Referatsleiterin in der Abteilung Forschung und Innovation.  

Mit ihrer Präsenz bei der Jahrestagung der LAGEN, so Onnen, setzten die beiden Repräsentantinnen der Landesregierung ein deutliches Zeichen für die Frauen- und Geschlechterforschung in Niedersachsen. Nicht unerwähnt blieb auch die erfreuliche Tatsache, dass das MWK mit einer Anschubfinanzierung für die Dauer von zunächst drei Jahren die Einrichtung der LAGEN-Geschäftsstelle fördert, die Anfang 2014 an der HMTMH ihre Arbeit aufgenommen hat. Eine großzügige Sonderzuwendung stellte das Ministerium darüber hinaus für die LAGEN-Jahrestagung bereit. 

In ihrem sich anschließenden Grußwort blickte Staatssekretärin Andrea Hoops (MWK Niedersachsen) auf nicht weniger als ein Vierteljahrhundert "Erfolgsgeschichte der Geschlechterforschung in Niedersachsen" zurück. Dabei rief sie Meilensteine in Erinnerung wie die im Rahmen der Expo 2000 u.a. in Hannover veranstaltete Internationale Frauenuniversität (ifu) "Technik und Kultur" oder den ersten Durchgang des Maria-Goeppert-Mayer-Programms, mit dem das MWK in den Jahren 2001-2010 insgesamt 115 Gastprofessor_innen aus dem In- und Ausland ein- bis zweisemestrige Lehr- und Forschungsaufenthalte an niedersächsischen Hochschulen ermöglicht hat. Viele der über das Programm geförderten Personen haben inzwischen Rufe auf reguläre Professuren erhalten, so dass es sich als wirksames Instrument zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses bewährt hat. Im Zuge einer Neuausrichtung dieser Förderlinie ab 2011 werden derzeit niedersachsenweit sieben in verschiedenen Fachbereichen ansässige MGM-Schwerpunktprofessuren für Gender Studies mit einer Laufzeit von vier bis fünf Jahren aus MWK-Mitteln anschubfinanziert, wobei im Anschluss eine Entfristung durch die jeweilige Hochschule vorgesehen ist.

Die Staatssekretärin bezog sich in ihren Ausführungen auch auf die Evaluationsergebnisse der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen (WKN) – ein unabhängiges Gremium, dessen Bericht und Empfehlungen zur Geschlechterforschung (2013) eine Legitimationsgrundlage für politisches Handeln auf dem Gebiet der Forschungsförderung darstellen. Darin bescheinigt die WKN der Geschlechterforschung im Land eine – so Hoops – "positive Entwicklung" und eine im bundesweiten Vergleich "führende Position" neben Berlin und Nordrhein-Westfalen. Die LAGEN wird als Dachverband der seit 2001 gegründeten Genderzentren an niedersächsischen Hochschulen identifiziert und findet als Akteurin der Frauen- und Geschlechterforschung lobende Erwähnung. Kürzlich hat das Ministerium auf Basis der WKN-Empfehlungen bis zu zwei Millionen Euro für Forschungsverbünde zum Thema "Geschlecht – Macht – Wissen. Genderforschung in Niedersachsen" ausgeschrieben. Von zwanzig eingegangenen Anträgen konnten vier bewilligt werden. Aufgrund der guten Resonanz und hohen Qualität der Projekte wird es, wie Andrea Hoops ankündigte, sowohl im Herbst 2015 als auch im Herbst 2017 erneut Ausschreibungen geben. Als Desiderate der als "innovativ" eingestuften Geschlechterforschung in und aus Niedersachsen benannte die Staatssekretärin eine bessere institutionelle Verankerung an den Fachhochschulen des Landes sowie verstärkte Initiativen seitens niedersächsischer Akteur_innen zur Sichtbarmachung ihrer Forschungsaktivitäten im Kontext des neuen EU-Rahmenprogramms Horizon 2020.

Im zweiten und letzten Grußwort verwies die Präsidentin der HMTMH und stellvertretende Sprecherin der LAGEN, Prof. Dr. Susanne Rode-Breymann, auf die bemerkenswerten Erfolge des 2006 aus Mitteln der Mariann Steegmann Stiftung zur Förderung von Frauen in Kunst und Musik an der HMTMH gegründeten Forschungszentrums Musik und Gender (fmg), dessen Finanzierung unlängst um weitere zehn Jahre verlängert wurde. Bereits drei ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und / oder dort habilitierte Frauen haben heute Professuren inne: Dr. Melanie Unseld ist seit 2008 Professorin für Kulturgeschichte der Musik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Dr. Sabine Meine wurde 2014 als Professorin an das Musikwissenschaftliche Seminar (MuWi) Detmold / Paderborn der Hochschule für Musik (HfM) Detmold berufen und Dr. Nina Noeske im gleichen Jahr an der Hochschule für Musik und Theater (HfMT) Hamburg zur Professorin für Historische Musikwissenschaft mit Schwerpunkt Gender Studies ernannt.

Neben der am fmg ausgebildeten fachlichen Exzellenz hob Rode-Breymann auch die ausgezeichnete Vernetzung von Geschlechterforschung und Gleichstellung an der HMTMH hervor – eine fruchtbare Zusammenarbeit, für die sie der langjährigen Gleichstellungsbeauftragten der Hochschule und stellvertretenden Vorsitzenden der Landeskonferenz Niedersächsischer Hochschulfrauenbeauftragter (LNHF), Birgit Fritzen, ihren Dank aussprach. In der Geschichte der LAGEN spielen HMTMH und fmg eine gleichermaßen herausragende Rolle, von der Gründungssitzung im Dezember 2007 über die Ausrichtung des ersten Doktorand_innentags im November 2010 bis zur Ansiedelung der Koordinationsstelle in den Räumlichkeiten der Hochschulverwaltung im Januar 2014. 

Prof. Dr. Bettina Wahrig (TU Braunschweig) leitete mit ihrer Einführung zur Person von PD Dr. Sabine Grenz eine von nur zwei Wissenschaftler_innen, die in Deutschland im Fach "Gender Studies" habilitiert haben zum inhaltlich-fachlichen Teil des Programms über. Ausgehend von epistemologischen und methodologischen Theorien und Ansätzen, wie etwa Sandra Hardings standpoint theory oder Maria Mies' methodischen Postulaten, die den politischen Charakter von Forschung betont haben, beschäftigte sich der Keynote-Vortrag "Zur Komplexität von Machtbeziehungen in feministischen Forschungsprojekten" von PD Dr. Sabine Grenz (Göttingen / Münster) mit dem Erbe und der heutigen Relevanz dieser frühen feministischen Ansätze. Insbesondere Aspekte wie Parteilichkeit, Selbstreflexivität im Forschungsprozess und die Frage des gesellschaftsverändernden Potenzials akademischer Forschung standen dabei im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Einen besonderen Schwerpunkt legte Grenz im zweiten Teil ihres Vortrags auf die (Macht-)Beziehung zwischen Forscher_innen und ihren Teilnehmer_innen und konkretisierte ihre Überlegungen dazu am Beispiel von Interviews mit Kunden von Prostituierten, die sie selbst im Rahmen ihres Promotionsprojekts durchgeführt hat. Dabei zeigt sich, dass keineswegs davon gesprochen werden kann, dass sich Wissenschaftler_innen gegenüber ihren Teilnehmer_innen in einer einseitigen Machtposition befinden. In diesem Sinn kann das 'Freier-Interview' als vergeschlechtlichter Diskurs auch als eine Performanz von Gender gelesen werden, die Geschlechterstereotype nicht nur reproduziert, sondern als fluktuierende Machtdynamiken zwischen Interviewerin und Interviewten zutage treten lässt.

Die gemeinsame Präsentation von Bettina Wahrig, Corinna Bath und Juliette Wedl mit dem Titel "Materialitäten begreifen: Feministische Methodenansätze im Gespräch" stellte drei ausgewählte Ansätze genauer vor: Diskursforschung, materielle Feminismen sowie die Actor-Network-Theory. Alle drei dieser Zugänge beschäftigen sich zentral mit der Frage, wie Materialitäten methodisch erfasst werden können. Ein Ziel des gemeinsamen Vortrags bestand deshalb auch darin, die Potenziale der einzelnen Ansätze hinsichtlich des methodischen Zugriffs auf Materialitäten herauszustellen, im Verhältnis zueinander zu diskutieren und etwaige Schwachpunkte zu identifizieren. In der Diskursforschung, vorgestellt durch Juliette Wedl (Braunschweiger Zentrum für Gender Studies) verweisen insbesondere Studien zu Körper, Technik und Medialität, aber auch Institutionen und Handlungen auf die Notwendigkeit, Materialisierungen über das rein Sprachliche hinaus methodisch zu erfassen. Konzeptionell kommen hier u.a. Vorstellungen von Einschreibung, Dispositiven, Ko-Konstruktionen und Vergegenständlichungen zum Tragen, wobei diese als immer auch diskursiv eingespannt begriffen werden. Ansätze rund um materielle Feminismen, vertreten durch Prof. Dr.-Ing. Corinna Bath (TU Braunschweig / Ostfalia Hochschule für Angewandte Wissenschaften) wurden in den letzten Jahren entwickelt, um Materialitäten stärker zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung zu machen, ohne dabei jedoch in einen naiven Realismus zurückzufallen. Sie berufen sich stark auf philosophische Ansätze, vor allem aber auf die internationalen Science and Technology Studies, die historische wie aktuelle wissenschaftlich-technische Entwicklungen aus sozial- und geisteswissenschaftlichen Perspektiven untersuchen. Dabei stehen gerade feministische Vertreter_innen (z.B. Donna Haraway, Karen Barad) für eine Überwindung von Dualismen (z.B. Diskurs-Materie, Subjekt-Objekt, Wissen-Sein) und eine verantwortungsvolle Intervention in Wissensproduktion und Gestaltung der materialen Welt. Die Actor-Network-Theory, der dritte von Prof. Dr. Bettina Wahrig (TU Braunschweig) präsentierte Ansatz, begreift Materialität nicht als etwas dem Denken Entgegengesetztes, sondern einerseits im Anschluss an Bruno Latour als Voraussetzung der Bildung von "Ensembles", andererseits als deren Effekt, da sie sich nur in diesen manifestiert. Die Untersuchungsansätze der Actor-Network-Theory sind jedoch nur dann nicht gender-blind, wenn entsprechende Voraussetzungen über die in die Materien eingeschriebenen Macht- und damit Geschlechterverhältnisse identifiziert und erforscht werden. Debattiert wurden in der nachfolgenden Diskussion u.a. die ethische Motivation des so genannten 'neuen' Materialismus, seine Anbindung an ältere materialistische Auffassungen und nicht zuletzt die als problematisch empfundene konjunkturelle Rede von wissenschaftshistorischen turns – vom linguistic über den cultural bis hin zum gegenwärtig ausgerufenen material turn.  

Der nachfolgende Vortrag von Dr. Bärbel Miemietz (Medizinische Hochschule Hannover) und Monique Tannhäuser (Universität Vechta) zum Thema "Karrieren von Ärztinnen in der Hochschulmedizin" diskutierte kritisch die bislang vermuteten Ursachen der Unterrepräsentanz von Medizinerinnen in Universitätskliniken (z.B. Schichtdienst, psychologische Barrieren auf Seiten der Frauen) und stellte das Forschungsdesign des von Prof. Dr. Corinna Onnen (Universität Vechta) geleiteten Projekts "Gender und Diversity in der Medizin" vor, das sich zum Ziel setzt, die geschlechtsspezifischen Berufsverläufe von Mediziner_innen systematisch zu untersuchen. Die derzeit laufende Vorstudie, in deren Rahmen Monique Tannhäuser Interviews mit Oberärztinnen an der Medizinischen Hochschule Hannover sowie mit Aussteigerinnen aus der Karriere der Hochschulmedizin durchführt und diese kontrastiv auswertet, soll dazu dienen, einerseits die Bedingungen zu identifizieren, die es Frauen ermöglichen oder erschweren, in medizinische Führungspositionen aufzusteigen – hier sind insbesondere W3-Professuren mit Klinikleitung gemeint – und zum anderen Maßnahmen zu entwickeln, um Frauen in medizinischen Karrieren bestmöglich bei der Vorbereitung auf Führungsaufgaben zu unterstützen.

Mit dem Anspruch, "methodologische Überlegungen zur Analyse von Konzeptionen von Männlichkeit und Weiblichkeit in der Jazzhistoriographie" anzustellen, näherte sich Stefan Körner (Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover) aus einer gänzlich anderen fachlichen Perspektive seinem Gegenstand, den er am Beispiel von Louis Armstrong und Ella Fitzgerald genauer in den Blick nahm. Als Musikologe und Historiker interessiert sich Körner für die Ursachen einer Geschichtsschreibung, die Jazzhistoriographien in einem überwiegend männlich geprägten Kanon verorten, und befragt verschiedene theoretische Konzepte – vor allem das von Gilles Deleuze und Félix Guattari 1980 entwickelte Konzept des Rhizoms bzw. des Rhizomorphen – auf ihr Potenzial, den aktuellen Status Quo der Jazzhistoriographie kritisch zu analysieren. Dabei wird unter besonderer Berücksichtigung der Arbeit von Hayden White auch die narratologische Ebene berücksichtigt, da sich an dieser Stelle, so Körner, die Konstruktionsleistung der Autoren von Jazzgeschichte sowie die Beschaffenheit einer 'männlich' dominierten Jazzhistoriographie – auf den ersten Blick – am offensichtlichsten nachvollziehen lässt.

Zu Beginn der im Anschluss daran folgenden Abschlussdiskussion erinnerte Moderatorin Prof. Dr. Corinna Onnen (Universität Vechta) an Dr. Ulla Bock, die als Feministin der ersten Stunde seit mehr als drei Jahrzehnten für die Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauen- und Geschlechterforschung (ZEFG) an der Freien Universität Berlin aktiv ist. Mit ihrem Hinweis auf eine der Pionierinnen der seit rund dreißig Jahren quer zu den etablierten Fachtraditionen in der deutschen Hochschullandschaft institutionalisierten Forschungsrichtung lenkte Onnen die Aufmerksamkeit des Plenums auf den Umstand, dass diese Doppelung von fachlicher Anbindung und interdisziplinärer Perspektivierung der eigenen Forschungsarbeit auch heute noch mehrheitlich das Selbstverständnis von Genderforscher_innen prägt.

Das Thema der diesjährigen LAGEN-Jahrestagung, "Theorien – Methodologien – Methoden", bot einen geeigneten Diskussionsrahmen für die in einer Vielzahl unterschiedlicher Fachkulturen beheimateten niedersächsischen Genderforscher_innen. Während es weitgehend Konsens hinsichtlich methodologischer und wissenschaftstheoretischer Fragen gab, für deren Konjunkturen die – wenn auch skeptisch zu betrachtenden – methodologischen 'Wenden' durchaus zuverlässige Indikatoren sein können, wurde der Übergang von den Methodologien zu den Methoden, von der Meta- zur Objektebene oder, anders formuliert, das Einlösen der Versprechen der Theorie am Gegenstand der Analysepraxis als größtes Desiderat identifiziert.

So drängte sich zum Abschluss der Veranstaltung dann auch die Frage auf, wie sich aus den Inputs der Jahrestagung gemeinsame Initiativen und Projekte innerhalb der LAGEN generieren lassen. Verschiedene Vorschläge und Varianten für Genderforschungsprojekte von möglichst hoher interdisziplinärer Anschlussfähigkeit (beispielsweise zu Fachgeschichte, Karrierewegen oder Kanonisierungsprozessen) wurden durchgespielt und teils wieder verworfen, da sie als bereits gut erforscht gelten. Am meisten Zuspruch fand die auch von Dr. Barbara Hartung (MWK Niedersachsen) nachdrücklich unterstützte Idee, entlang thematischer Schwerpunkte eine Geschichte von Kategorien wie Arbeit, Repräsentation oder Raum anzustreben. Frau Hartung betonte noch einmal die Bemühungen des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, die Forschungsaktivitäten an Fachhochschulen zu stärken und empfahl die Einbeziehung jener Wissenschaftsbereiche in kooperative Forschungsprojekte der LAGEN, in denen Genderperspektiven bislang unterrepräsentiert sind, etwa der medizinischen und der MINT-Fächer sowie der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften.


Kontakt für Rückfragen und weitere Informationen:

Dr. Tanja Schwan, Stiftung Universität Hildesheim, ZIF Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterstudien, E-Mail: schwan[at]uni-hildesheim.de 

Daniela Hrzán, Koordinationsstelle LAGEN, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH), E-Mail: daniela.hrzan[at]hmtm-hannover.de