Franziska Ohde im Gespräch mit Dr. Konstanze Hanitzsch, wissenschaftlicher Mitarbeiterin des Göttinger Centrums für Geschlechterforschung und des Studienfachs Geschlechterforschung an der Georg-August-Universität Göttingen

Konstanze Hanitzsch

FO: Über welche Einrichtung sind Sie bei der LAGEN aktiv und welche Funktion haben sie?

KH: Als Forschungskoordinatorin des Göttinger Centrums für Geschlechterforschung gehört zu meinen Aufgaben Vernetzung, Verbindung und Koordination der unterschiedlichsten Genderforscher_innen und ihrer Forschung sowohl auf lokaler als auch internationaler Ebene. Konkret finden sich hier Aufgaben wie die Organisation von wissenschaftlichen Veranstaltungen, Vor- und Nachbereitung von Sitzungen, externe und interne Kommunikation (klingt so banal und ist doch so wichtig!), um ein paar zu nennen.


FO: Können Sie Ihre aktuelle wissenschaftliche Tätigkeit in zwei bis drei Sätzen skizzieren?

KH: Ich lehre in der Geschlechterforschung und betreue Studierende. Und seit der Verlängerung meines Vertrages ist auch meine Weiterqualifikation Teil meines Jobs und somit arbeite ich auch an meinem Forschungsprojekt mit dem Arbeitstitel POSTMAGICSCIENCE.

FO: Welche Relevanz hat Gender in Ihrem Fachbereich?

KH: Das Göttinger Centrum für Geschlechterforschung ist an der Sozialwissenschaftlichen und an der Philosophischen Fakultät angesiedelt. Das Studienfach Geschlechterforschung an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Viel grundlegende Forschung der Geschlechterforschung wird in Göttingen in der Sozialwissenschaft getätigt. Ursprünglich komme ich aus den literatur- und kulturwissenschaftlichen Gender Studies und ich habe das Glück, dass ich meine Lehre und meine Forschung in diesem Bereich durchführen kann. Eine Durchdringung von sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschungsansätzen halte ich in dem interdisziplinären Fach der Geschlechterforschung für überaus produktiv.

FO: Welche Tätigkeiten beinhaltet Ihre Mitarbeit an der LAGEN?

KH: In diesem Jahr war das GCG aktiv an der internationalen Konferenz "Politiken der Reproduktion" beteiligt. Im Winter diesen Jahres werden das Studienfach Geschlechterforschung und das GCG gemeinsam mit der LAGEN den diesjährigen Doktorand_innentag durchführen sowie die Eröffnungsveranstaltung der zehnjährigen Jubiläumsveranstaltung der LAGEN. Das GCG kooperiert vor allem in Bezug auf die Forschung des Netzwerks Gender und Migration@Niedersachsen eng mit der LAGEN und hat hier schon einige Veranstaltungen mit durchgeführt. Darüber hinaus bestehen die konkreten Tätigkeiten in der gegenseitigen Sichtbarmachung, der Vernetzung, d.h. im gegenseitigen Informationsaustausch und der Unterstützung bei Fragen von Forschung und Lehre im Bereich der Geschlechterforschung. 

FO: Ihre letzte Publikation in einem Satz?

KH: In meiner letzten Publikation vergleiche ich die Art und Weise wie Niklas Frank, Bernward Vesper und Thomas Harlan mit der nationalsozialistischen Täterschaft ihrer Eltern umgehen und stelle die These auf, dass sie dabei die Sprachkunst der Väter gegen diese wenden und sich zuletzt in einer jeweils spezifischen Christusfiguration dem Vater gegenüberstellen.

FO: Welchen Bezug hat Ihr(e) Publikation/Buch zur aktuellen feministischen Forschung bzw. zur Geschlechterforschung/Gender Studies?

KH: Die Analyse der Funktion und Bedeutung der Kategorie Geschlecht für die Abwehr von Verantwortung aber auch für die Zugänglichkeit von Ideologien, z.B. wenn sich diese in Ehr- und Moralvorstellungen verbergen, die zutiefst mit einem nationalsozialistischen Verständnis von Ehre verbunden sind, nachzuzeichnen und die Wirkung auch auf die nachfolgenden Generationen zu beschreiben sowie deren Umgang mit diesem NS-Erbe halte ich für eine nie endende Verantwortung insbesondere deutscher Geschlechterforschung. Thomas Harlan, der im Fokus meines Artikels steht, sowie sein Werk sind bisher noch kaum entdeckt, geschweige denn genderspezifisch umfassend analysiert worden. Insofern habe ich insbesondere durch den Vergleich mit Niklas Franks Abrechnung mit seinem Vater Hans Frank - Generalgouverneur in Polen, hingerichtet in Nürnberg -, in der Geschlecht eine wichtige Rolle bei der Abgrenzung vom als sexuell deviant dargestellten Vater spielt, dargestellt, wie Thomas Harlan u.a. den Pathos, den sein Vater Veit Harlan - Regisseur des NS-Propagandafilms "Jud Süss" - gegen einen NS-Verbrecher wendet, den er mit diesen Mitteln filmisch demontiert. Dabei spielt eine spezifische an nationalsozialistische Moralvorstellungen geknüpfte Form von Männlichkeit eine Rolle, sonst würde diese Demontage nicht funktionieren (so eine These meines Artikels).

FO:Wem würden Sie Ihr/e Publikation/Buch empfehlen?

KH: Historiker_innen, Literaturwissenschaftler_innen und Genderwissenschaftler_innen, aber auch Personen, die an Medien und Film interessiert sind. Auch für Gedenkstättenpädagog_innen könnte der Artikel interessant sein.

FO: Ihr Projekt in einem Satz?

KH: Hexerei und Magie im Spiegel feministisch/gendertheoretischer Theoriebildung von 1970 bis 2020.

FO: Welchen Bezug hat Ihr Forschungsprojekt zur aktuellen feministischen Forschung bzw. zur Geschlechterforschung/Gender Studies?

KH: Es geht u.a. darum, die Entwicklungsgeschichte des feministischen Materialismus nachzuzeichnen. Darüberhinaus will das Projekt auch neueren Performances wie z.B. von Johannes Paul Raether gerecht werden, die Spiritualität und Geschlecht auf eine kritische Art und Weise in die aktuellen Technosciencedebatten einbringen, dabei beziehen sich seine witchidentitäten häufig auf Donna Haraway.

FO: Was macht Ihr Forschungsprojekt besonders?

KH: Die Verknüpfung von gesellschaftskritischer Theorie und (vermeintlich) irrationalen Praxen/Vorstellungen.

FO: Mit wem würden Sie gern Ihr aktuelles Forschungsprojekt diskutieren? Und warum?

KH: Mit Donna Haraway, denn sie ist eine beeindruckende feministische Forscherin, die an den Grenzen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften forscht. Verantwortung ist in ihrem Werk zentral. Ebenso hat sie Sinn für die Grenzen menschlicher Erkenntnis und bezieht eine spirituelle Ebene in ihre Theoriebildung mit ein. Wie genau, das möchte ich in meiner Arbeit erforschen und würde dies gern mit ihr besprechen. Ebenso würde ich sehr gern mit Johannes Paul Raether ins Gespräch kommen, und zwar über die Zusammenhänge von Cyborgs, Hexen, Magie und Apple oder IKEA und neue Reproduktionstechnologien - und über die Worldwidewitches würde ich gern mit ihm sprechen. Die (Performance-)Kunst kann ein Seismograph gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Veränderungen sein - Raethers Arbeiten zählen sicherlich dazu.

FO: Sie sitzen mit Freunden am Küchentisch und das Thema Gender wird angesprochen. Wie erklären Sie Ihren Bezug zum Thema und was es mit Ihrem Beruf zu tun hat?

KH: Ich habe Gender Studies studiert und in diesem Fach auch promoviert. Ebenso strebe ich an, meine Habilitation in den Gender Studies abzulegen. Geschlechterforschung bietet die Analysemöglichkeit für vermeintlich unveränderbare Ist-Zustände. Mein Anliegen ist es, diese Theorien durch Lehre und Forschung zu vermitteln bzw. weiter voranzutreiben.

FO: Was lesen Sie, wenn sie keine wissenschaftlichen Texte lesen?

KH: Gerade habe ich den letzten Roman von Ulrich Peltzer gelesen "Das bessere Leben", ein Roman, der mich sehr berührt hat, u.a. da der Roman sehr emphatisch mit seinen Hauptfiguren umgeht, die sich im kapitalistischen System der Zeit behaupten und doch einmal radikale Ideen vertraten, vielleicht noch immer vertreten. Gerade habe ich Toni Morissons "God help that Child" begonnen, zutiefst verstörend, ob der Ungerechtigkeiten, die dort beschrieben sind. Leider komme ich nicht regelmässig zum Lesen "meiner" Bücher.

FO: Welche Autor_innen lesen Sie gerne? Und wieso?

KH: Ich bin seit ich ihn das erste Mal mit 15 oder 16 gelesen habe ein grosser Fan von Dostojewskis Büchern. Ich liebe den "Idioten". Die Art wie in grossen Erzählungen anhand von einzelnen Figuren ganze Weltbilder verhandelt werden und die Suche nach dem Guten die Menschen zumeist in die Verzweiflung oder den Wahnsinn treibt, hat mich immer sehr berührt. Das Geschlechterverhältnis spielt in seinen Büchern eine grosse Rolle und ist sicher nicht unproblamtisch. Das Leiden an diesem Verhältnis wird jedoch in einer Art und Weise gezeigt, die Kritik an diesen Zuständen geradezu heraufbeschwört. Die ersten Bücher von Lily Brett habe ich verschlungen, vor allem "einfach so". Damals begann ich, mich intensiv mit der Shoah auseinander zu setzen. Diesbezüglich ist Charlotte Delbos "Auschwitz und danach" mir nachdrücklich im Gedächtnis geblieben, denn mit dem Ende der KZ-Haft hört der Schrecken eben nicht auf. Proust und Thomas Mann hingegen sind ein Spaziergang für die Seele...

FO: Welche Bücher würden Sie auf jeden Fall weiterempfehlen?

KH: Alle von Dostojewski. "Kleine Polizei im Schnee" von Dietmar Dath. "Die Erfindung der RAF durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969" von Frank Witzel. Thomas Mann: "Joseph und seine Brüder". Ingeborg Bachmann: "Malina". Sylvia Plath: "Die Glasglocke". Chaika Grossmann: "Die Untergrundarmee".

FO: Für was hätten Sie gerne mehr Zeit?

KH: Zum Lesen und Schreiben und Tanzen und für meine Freund_innen.

FO: Was würden Sie an einem Tag unternehmen, an dem die gesamte technische Infrastruktur und alle technischen Geräte nicht funktionieren würden?

KH: Schwimmen in einem See oder im Meer. Freund_innen zum Essen einladen. Lesen und schreiben - mit der Hand.

FO: Wen würden Sie gerne einmal treffen? Warum?

KH: Björk. Sie ist eine wunderbare Künstlerin. Und ich habe sie im Verdacht, dass sie sich auch mit Hexen auskennt.

FO: Wohin würden Sie gerne verreisen? Warum dorthin?

KH: In das Amazonasgebiet. Einmal den Amazonas rauf oder runter. Weil es am weitesten von meiner momentanen Welt entfernt ist.

FO: An welchen Vorbildern - seien es Menschen oder Projekte -, orientieren Sie sich?

KH: An meinen beiden Doktormüttern (Inge Stephen, Gabriele Dietze), aber auch an meiner besten Freundin: An humorvollen, selbstironischen Feministinnen, die noch immer nicht aufgegeben haben, das wahre Leben im falschen zu suchen - und es manchmal temporär herstellen können! 

FO: Bitte vollenden Sie die folgenden Sätze!

FO: Ich habe Freude an meinem Beruf, weil ...

KH: ... er mich mit vielen unterschiedlichen Menschen & Aufgaben verbindet und ich etwas in der Gesellschaft verändern kann.

FO: Die LAGEN ist wichtig, weil ...

KH: ...sie Kooperation und damit aber auch darüber hinaus strategische Bündnisse zur verstetigten Verankerung der Geschlechterforschung in Niedersachsen ermöglicht.

FO: Ich wünsche der LAGEN, dass ...

KH: ...sie auch ihr 200. Jubiläum feiern wird - allerdings dann als eine alte Veteranin der Geschlechterforschung, die gemütlich aus der schlimmen frühen Zeit berichten kann, während angenehme und entspannte Arbeit die Tätigkeit der LAGEN in 2200 ausmachen wird.


FO: Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben!